HP-Chefin über Perspektiven in Krisenzeiten: Interview mit Carly Fiorina: Die „Sicherheit ist eine neue Aufgabe“

HP-Chefin über Perspektiven in Krisenzeiten
Interview mit Carly Fiorina: Die „Sicherheit ist eine neue Aufgabe“

Nach der größten Fusion in der Geschichte der Informationstechnologie: Wie die HP-Chefin die Branche und die weitere Entwicklung ihres Unternehmens sieht.

HB: Welchen Einfluss hat die gespannte politische Weltlage auf einen internationalen Konzern wie Hewlett-Packard?

Fiorina: Die politische Situation erzeugt bei vielen Menschen Unsicherheit über die Zukunft. Und diese Unsicherheit lässt Menschen bei Entscheidungen über die Zukunft zögern. Das gilt auch für Entscheidungen über Technologie-Investitionen. Denn Investitionen in Technologie sind letztlich ein Wette auf die Zukunft.

HB: Ist eine - aus wirtschaftlicher Sicht - positive Lösung der Krise möglich?

Fiorina: Eine Antwort auf diese Frage würde an Hellseherei grenzen, und das gehört nicht zu meinen Aufgaben. Ich habe es aufgegeben, Prognosen über Aktienkurse abzugeben. Und dasselbe gilt für die aktuelle politische Situation: Es gibt Experten, die ein starkes Marktwachstum nach einem Ende der Krise erwarten. Andere Experten sehen es anders. Während des letzten Golfkriegs haben die Investitionen in Informationstechnologie (IT) zunächst dramatisch abgenommen, danach schnell wieder zugelegt. Die Wahrheit ist: Wir wissen es alle nicht.

HB: Welche Vorbereitungen trifft ein globaler Konzern wie HP, um sich auf die Eventualitäten eines Krieges gegen den Irak vorzubereiten?

Fiorina: Wir diskutieren mit unseren Sicherheitsexperten und Risikomanagementteams zurzeit sicherlich mehr als gewöhnlich. Dabei geht es vor allem um Fragen des "Was tun wir, wenn...?". Doch das ist nicht ungewöhnlich, denn die Vorsorge für die Sicherheit von Mitarbeitern, Partnern und Kunden ist inzwischen zu einer neuen Managementaufgabe geworden. Ich betone allerdings, dass es mir wesentlich lieber wäre, wir müssten uns darüber keine Gedanken machen.

HB: Die Konjunktur, aber auch die Politik haben die Aussichten für 2003 getrübt. Was erwarten Sie für Ihre Branche?

Fiorina: Die Lage bleibt 2003 für die IT-Industrie weiterhin schwierig. Für HP wird es darum gehen, gegenüber Wettbewerbern weiter Marktanteile zu gewinnen. Denn wir befinden uns derzeit nicht in einem wachsenden Markt. Darüber hinaus gibt es aber eine langfristige Entwicklung, die meiner Ansicht nach viel wichtiger ist als die politische Situation oder die konjunkturelle Lage: Für eine zunehmende Zahl von Unternehmen wird der Einsatz von IT ein immer wichtigerer Bestandteil ihrer Geschäftsprozesse. Die Mehrzahl der Vorstände in den Unternehmen versteht das heute besser als jemals zuvor. Und langfristig werden Unternehmen in Bereichen investieren, die sie als fundamental wichtig für ihr Geschäft ansehen.

HB: Seit der Ankündigung der Fusion zwischen HP und Compaq sind 16 - für die IT-Industrie wenig erfreuliche - Monate vergangen. Der Umsatz von HP ist binnen Jahresfrist um 10 Prozent gesunken. Trotzdem sehen Sie die Fusion als Erfolg. Woran machen Sie diesen fest?

Fiorina: Der wichtigste strategische Grund für den Zusammenschluss von Compaq und HP war das Ziel, Kosten zu reduzieren und gleichzeitig die Marktstellung von HP und Compaq zu verbessern. Das Ziel bei der Kosteneinsparung lag bei 2,5 Mrd. $ jährlich ab 2004. Bereits 2003 werden die Einsparungen rund 3 Mrd. $ ausmachen. Was die Marktstellung angeht, haben wir in den vergangenen sechs Monaten bei Personalcomputern, Servern und Speicherlösungen gegenüber unseren Konkurrenten Marktanteile hinzugewonnen. Darüber hinaus haben wir sehr genaue Untersuchungen darüber, dass unsere Kunden den Zusammenschluss positiv beurteilen.

HB: Gilt das auch für die Mitarbeiter?

Fiorina: Die Mitarbeiter sind in einer solchen Situation verständlicherweise zunächst einmal an zwei Dingen interessiert: Behalte ich meinen Job? Und: Wer wird mein Vorgesetzter? Bevor diese Dinge nicht geklärt sind, stehen die Vorteile eines solchen Zusammenschlusses für die Mitarbeiter nicht im Vordergrund. Das ist nun anders. Gleichzeitig sind aber die Kunden daran interessiert, wie ein solcher Zusammenschluss ihre IT-Investitionen betreffen könnte. Diese Sicherheit haben wir durch die schnelle Festlegung des neuen Produktportfolios geschaffen. Also auch aus dieser Sicht ist der Zusammenschluss ein Erfolg.

HB: Im ersten Jahr nach der Fusion hat sich HP ganz auf die Produkte und die Integration der globalen Unternehmenseinheiten konzentriert. So entstand besonders bei mittelständischen Kunden der Eindruck eines anonymen Großkonzerns, der sich mit individuellen Bedürfnissen schwer tut. Was wollen Sie dagegen tun?

Fiorina: Das ist eines der wichtigsten Management-Themen für die nächsten Monate. Wir werden künftig eine stärkere Gewichtung auf horizontale Prozesse und regionale Teams legen. Nicht zuletzt um den Zugang für Kunden zu verbessern. Wir haben mit einer entsprechenden Initiative bereits begonnen.

HB: Bedeutet das eine stärkere Rolle für die Tochtergesellschaften in den Ländern?

Fiorina: Wir haben uns dieses Jahr vorgenommen, die Verantwortung unserer regionalen und lokalen Teams zu erhöhen. Speziell in Europa geht es dabei auch um die Aufgabenverteilung zwischen europäischen Strukturen und einzelnen Ländern; ein Problem, mit dem alle multinationalen Konzerne in Europa zu kämpfen haben.

HB: Wie lautet Ihre Lösung?

Fiorina: Es gibt Bereiche, wie zum Beispiel den Kundenservice, der ganz eindeutig auf der Ebene der einzelnen Länder organisiert werden muss. Doch es gibt auch Dinge, die besser auf einer europäischen Ebene behandelt werden sollten, denn die Europäische Union ist eine aus unserer Sicht immer wichtiger werdende Institution, die künftig großen Einfluss auf unser Geschäft nehmen wird.

HB: Warum werden diese Fragen erst jetzt so wichtig?

Fiorina: Während der ersten Monate der Fusion war es wichtiger, die vier großen Geschäftsbereiche des neuen Konzerns klar abzugrenzen, damit sie sich schnell am Markt orientieren konnten. Denn jeder einzelne Bereich, egal ob Drucker-, Unternehmens-IT-, Service- oder PC-Geschäft, muss auf eigenen Füßen stehen können. Das heißt: Jedes einzelne Geschäftsfeld von HP muss für sich genommen wettbewerbsfähig und profitabel sein.

HB: Was bedeutet das konkret?

Fiorina: Dass wir keine schwachen Geschäftsbereiche auf Kosten der starken subventionieren werden.

HB: Das PC- und Unternehmens-IT-Geschäft von HP erwirtschaften bislang Verluste. Würden Sie sich von Teilen des Unternehmens trennen, falls diese nicht profitabel werden?

Fiorina: In der IT-Industrie zählen heute Größe und Handlungsfähigkeit. Anbieter, die zu langsam sind oder nicht in der Lage sind, eine effiziente Kostenstruktur zu schaffen, werden über kurz oder lang verschwinden. Diese Überzeugung war ein Grund für den Zusammenschluss mit Compaq. Nicht jeder Geschäftsbereich kann innerhalb von drei Monaten die Gewinnzone erreichen. Aber wir haben sowohl für das PC-Geschäft als auch für das Geschäft mit der Unternehmens-IT klare Zielvorgaben gesetzt. Sollten wir feststellen, dass wir ein Geschäft betreiben, in dem wir nicht profitabel werden können, werden wir auch einen Rückzug aus diesem Bereich in Betracht ziehen.

HB: Wie lange reicht Ihre Geduld mit Verlustbringern?

Fiorina: Nicht endlos. Wir haben gesagt, das PC-Geschäft soll 2003 profitabel werden, und es wird 2003 profitabel werden. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir unsere Ziele auch im Bereich Unternehmens-IT erreichen werden.

HB: Wollen Sie den neuen HP-Konzern künftig stärker auf Unternehmenskunden oder Privatkunden ausrichten? Ist Ihr größter Konkurrent IBM oder Dell?

Fiorina: HP ist der einzige Technologiekonzern, der derzeit auf der gesamten Breite des Marktes Produkte anbietet. Und das ist auch gut so. Vor zwei Jahren erzählten uns viele Experten, HP könne im unteren Preissegment des Druckermarktes nicht gegen Anbieter wie Lexmark konkurrieren. Heute gewinnen wir genau in diesem Segment Marktanteile. Auch das PC-Geschäft ist - mit der richtigen Kostenstruktur im Hintergrund - ein ertragsstarkes Geschäft. Dort konkurrieren wir mit Dell. Doch im Gegensatz zu Dell sind wir auch auf den Gebieten Speicherlösungen, Server und Drucker führend. Dort versucht Dell erst jetzt, einen Fuß in die Tür zu bekommen.

HB: Wie sehen Sie die Konkurrenz zu IBM?

Fiorina: Natürlich ist IBM im Unternehmenskundengeschäft ein Wettbewerber. Trotzdem gibt es große Unterschiede: IBM hat durch den Kauf der Beratungssparte von PriceWaterhouseCoopers, einen großen Schritt in Richtung Unternehmensberatung getan. In diesem Markt konkurrieren wir nicht. Am klassischen Beratungsgeschäft hat HP kein Interesse. Unser Ziel ist es, als Technologiekonzern die beste IT-Infrastruktur zu liefern und im Markt für IT-Services zu wachsen.

HB: Was verstehen Sie darunter?

Fiorina: Zum Beispiel IT-Outsourcing-Dienstleistungen.

HB: Große Outsourcing-Verträge wie zuletzt von J.P. Morgan oder von der Deutschen Bank gingen an IBM.

Fiorina: HP-Services hat dafür Kunden wie Microsoft, Nokia und EADS. Ohne Frage müssen wir aber auf dem Markt für Großaufträge künftig aggressiver auftreten.

HB: Wie wollen Sie das anstellen?

Fiorina: Vereinfacht gesagt, indem wir uns zunächst einmal verstärkt in die Bieterverfahren um diese Großaufträge einschalten. Vielen Unternehmen ist wahrscheinlich noch nicht klar, über welche Kapazitäten HP bei den IT-Services verfügt. Wir beschäftigen rund 65 000 Mitarbeiter in diesem Bereich. Auf den Umsatz bezogen sind wir weltweit die Nummer drei. Doch selbst Marktführer IBM hat lediglich neun Prozent Marktanteil. Dieser Markt bietet uns daher noch ein enormes Wachstumspotenzial.

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