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Huberta Hirschkuh und die deutsche Führungskraft

Warum lesen Führungskräfte Bücher mit dem intellektuellen Nährwert einer "Gute Zeiten, schlechte Zeiten"-Folge? Machen wir wieder mal ein kleines Ratespiel: An welche Zielgruppe richten sich die beiden Bücher, aus denen ich nun zitiere? Beispiel 1:

Warum lesen Führungskräfte Bücher mit dem intellektuellen Nährwert einer "Gute Zeiten, schlechte Zeiten"-Folge?



Machen wir wieder mal ein kleines Ratespiel: An welche Zielgruppe richten sich die beiden Bücher, aus denen ich nun zitiere?

Beispiel 1:
"Bis zum Zauberwald war es eine weite Reise, die ganze zwei Tage in Anspruch nahm. So blieben ihnen nur fünf Tage, um den Ort auszukundschaften, an dem das Magische Kleeblatt wachsen würde. Sie durften keine Zeit verlieren. Trotzdem entschlossen sich die beiden Ritter, die ganze Nach über zu ruhen, ehe sie zur Suche aufbrechen würden..."
"Huhuuuuuuuu!" Es war die Eule der Hexe Morgana, die ihn geweckt hatte. Die Hexe stand vor ihm im Licht des Feuers, das er gegen die Kälte angezündet hat. "Wer bist du? Was willst du? Ich warne dich, mein Schwert ist scharf!..."

Beispiel 2:
"Jenseits der Blauen Berge, in dem geheimnisvollen Wald, den noch kein Mens ch betreten hat, leuchtete der Regenbogen am Neujahrstag besonders schön. Die ersten Sonnenstrahlen funkelten durch die Bäume und verscheuchten den Regen, der jedes Jahr zu Silvester auf das Land fällt...."
"Missmutig lief Ferdinand Fuchs durch den Wald. Er ließ sich nicht von einer wütenden Wühlmaus ärgern, sondern war froh, als er seine Höhle erreichte..."

Na? Wen mögen die Autoren wohl ansprechen? Siebenjährige Kinder? Talk-Show-debilisierte Pisa-Opfer? Deutschlernende Neubürger? Lebensinnsuchende Esoterik-Jünger? Buch-Freunde, denen Harry Potter zu intellektuell ist?

Falsch. Manager. Führungskräfte. Die Elite eben.

Der erste Auszug stammt aus "Die Fortuna Formel" von Alex Rovira Celma und Fernando Trias de Bes, beide Unternehmensberater und Dozenten an der Wirtschaftshochschule ESADE. 

Ihr Buch hat sich laut Verlag waaaaaahnsinnig toll verkauft hat. Marketing-Guru Philip Kotler (dem bisher kein übermäßiges Absterben seiner Hirnz ellen nachgewiesen werden konnte) behauptet gar: "Wunderbar. Das wird ein Klassiker." Es handelt davon, dass einem Glück nicht in den Schoß fällt, sondern man (oder im Fall der Handlung ritter) dafür arbeiten muss.

Stockt Ihnen auch der Atem angesichts dieser Erkenntnis? Haben Sie auch den ganzen Tag rumgesessen und sich gesagt: "Och, das Glück, das kommt schon. Wozu arbeiten gehen? Wozu am gesellschaftlichen Leben teilnehmen? Wird schon!"?

Dann werden sie auch "Die Bären-Strategie" von Zeit-Management-Coach Lothar Seiwert lieben: Eine Fabel über einen Wald voller sprechender Tiere mit putzigen Namen wie Brunhilde Bär, Professor Dr. (warum kein Dr. h.c.?) Eusebia Eule, Beate Biene oder Huberta Hirschkuh. Jeder dieser Waldbewohner wäre, handelte es sich um Menschen, schwer therapiebedürftig.

Das übernehmen dann die Bären, die ihnen beibringen, dass in der Ruhe die Kraft liegt. Und das wieder sollen die Leser von den Allgemeinplätze abseiernden Vie chern lernen, die ständig Dinge ablassen wie "Ein bisschen Bewegung kann mir sicher nicht schaden" oder "Hab ich mir doch gedacht, dass ihr euch hier rumtreibt."

Wer jetzt glaubt, so etwas lese kein beruflich eingespannter, mit einigermaßen Hirnpotenz versehener Mensch - der irrt. Solche Dinger sind Bestseller. Allen voran das unselige "Fish", ein Motivationsbuch, das lehren soll, alles was man tut, mit Freude zu machen.

Solche Bücher sind meist angefüllt mit platten Charakteren (geht ja um die Botschaft), von geringem Umfang (nicht mal 150 Seiten - Manager haben keine Zeit) und behaupten, vom Alltagsstress Verwirrte zurückzubringen auf menschliche Grundsätze. Schön ist wenigstens, dass man sie eigentlich nicht lesen muss. Steht ja alles schon außen drauf, was wichtig ist. Der Untertitel der "Bären-Strategie", zum Beispiel, ist "In der Ruhe liegt die Kraft". Hinten drauf steht: "Jeder Tag ist ein glücklicher Tag!" Danke, das w as das wichtigste, muss ich mich nicht mehr durch die unsäglichen Abhandlungen über Hermine Hase & Co quälen.

Es ist merkwürdig, wem Führungskräfte zutrauen, ihnen helfen zu können. Das wundert auch den amerikanischen Marketing-Berater Seth Godin:

"If McKinsey said to close the plant, then it's a lot easier to sell your board. If you had gotten precisely the same advice from precisely the same 26-year-old Harvard MBA but she'd been in your strategy group instead of at McKinsey, they'd ignore her.
The thing is, famous advice isn't always better (it's often not better, as we'll see in a moment) and it's more expensive and it allows you to beg off actually understanding what's going on."

Sein Rat:
"But most important, understand why the advice is good advice, really understand the dynamic behind it--then you won't have any trouble selling the idea, because it's no t the advice giver that matters... it's the advice."

Stimmt. Ich fürchte nur, das ist viel zu kompliziert für Manager, die "Fish!", "Fortuna-Formel" oder "Bären-Strategie" lesen.

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