Hummlers Aussicht
Die Weltwirtschaft passt sich atemberaubend schnell an

Die Folgen der Finanzmarktkrise sind längst nicht ausgestanden. Die Nebenwirkungen der Interventionen sind absehbar. Und doch überwinden wir die Krise viel besser, als die Pessimisten glauben.
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Es ist zu vermuten, dass die heutige, global aufgestellte, sehr arbeitsteilige Komponentenwirtschaft bedeutend rascher und konsequenter auf externe Schocks - wie die vom Finanzsystem ausgegangene Krise - reagieren kann als die vertikal integrierten Strukturen von früher. Wenn man den Lagerzyklus genauer betrachtet, dann bestätigt sich diese Vermutung. Zwar trifft es zu, dass zu Beginn der Krise und als Folge der Schärfe des Einbruchs - man hörte von rückläufigen Auftragseingängen von minus 50 Prozent und mehr! - zunächst einmal auf Halde produziert wurde. Die Lagerbestände erhöhten sich deshalb rasch und markant.

Nun wurden aber innerhalb kürzester Frist die Kapazitäten dramatisch reduziert. Seit etwa sechs Monaten, also kurze Zeit nach Ausbruch der Krise in der Realwirtschaft, sind die Lagerbestände rückläufig. Die Geschwindigkeit des Anpassungsprozesses ist atemberaubend. Die Implikationen dieser überraschenden Adaptationsfähigkeit der Wirtschaft können nicht überschätzt werden. Unter anderem bedeutet das, dass die Annahme, es bestehe noch für längere Zeit ein Kapazitätsüberhang ("Output Gap"), so nicht haltbar ist. Vielmehr ist kurzfristig auch eine Verknappung wesentlicher Güter denkbar. Mittel- und langfristig kann aber von einer weitgehenden Elimination des konjunkturellen Lagerzyklus ausgegangen werden. Hervorragende Neuigkeiten, es sei denn, neoprotektionistisches Gedankengut würde weiter um sich greifen.

Die Folgen der Finanzmarktkrise sind längst nicht ausgestanden. Die Nebenwirkungen der Interventionen sind absehbar. Die Weigerung, das wirkliche Problem an der Wurzel anzupacken, nährt die Befürchtung, dass die nächste Krise das Embryonalstadium bereits überschritten hat. Durch die katastrophale Lage, in welche sich die wichtigsten Staatshaushalte der Welt hineinmanövriert haben, sind sowohl Währungen, allen voran der US-Dollar, als auch Nominalwerte wie Obligationen, aber auch kürzerfristige Schuldverschreibungen, akut gefährdet. Kann das alles wirklich aufgewogen werden durch die Aussichten auf eine leichte konjunkturelle Erholung? Durch den Glauben an das technisch korrekte Verhalten der Notenbanken? Durch die nicht näher spezifizierbaren Versprechen, man werde das Verschuldungsproblem schon irgendwie bewältigen können? Ganz wohl ist einem dabei gewiss zu Recht nicht. Eindeutigen Gefahren stehen lediglich Hoffnungen gegenüber.

Aber die Hoffnungen sind gut begründet. Denn sie schließen den Widerstandswillen und die Anpassungsfähigkeit des Menschen mit ein. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat gewiss enorme negative Folgen, aber noch viel mehr wird sie die Strukturveränderungen beschleunigen. Dazu gehören alle möglichen, zum Teil sehr einschneidenden Veränderungen im Mikrobereich, nicht zuletzt die beschriebenen raschen Kapazitätsreduktionen und Maßnahmen zur Produktivitätssteigerung bei den einzelnen Unternehmen. Dazu gehört aber auch die Ablösung ganzer Erdteile, welche sich massenhaft Mühlsteine um den Hals gelegt haben, durch weniger belastete Gesellschaften von jungen Leuten, die nach Prosperität streben.

Wenn ich richtig beobachte, dann ist die Argumentation der Pessimisten oft stark geprägt von dem, was man aus den 30er-Jahren des vorangegangenen Jahrhunderts meint lernen zu können. Wer das tut, der verkennt, dass die individuellen Entfaltungsmöglichkeiten von damals gerade einmal bis zum Rand der örtlichen Kohlegrube reichten. Die heutige, globalisierte und dank Internet unbegrenzt offene Welt bietet den Widerstandswilligen und Anpassungsfähigen ungleich mehr Möglichkeiten, allen unleugbar vorhandenen Unbilden zum Trotz den eigenen Erfolg zu maximieren. Insofern ist Optimismus angebracht, vielleicht sogar mehr, als man meint.

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