Hummlers Aussicht
Gebildet und frustriert

Als ob die Schweiz nicht schon reichlich eingedeckt wäre mit hausgemachten und von außen herangetragenen Herausforderungen, hat eine Gruppe von Erziehungswissenschaftlern vor kurzem an einem weiteren Standbein des helvetischen Selbstverständnisses gerüttelt.

Eine Gruppe von Erziehungswissenschaftlern in der Schweiz kommt zu folgenden Ergebnissen: Das duale Bildungssystem habe ausgedient, die Quote derer, die die Schule mit Matura (Abitur) abschließen, müsse drastisch erhöht werden, die Berufslehre sei ein Auslaufmodell. Nur wer Fachhochschulniveau erreiche oder besser noch die Universität absolviere, habe in der Welt von morgen eine Zukunft. Und was fürs Individuum gelte, stimme auch für die ganze Nation.

Der Aufschrei im Alpenland war zum Glück groß. Die Verfasser des Erziehungs-Weißbuchs haben vermutlich ihren Elfenbeinturm kaum je verlassen; zumindest haben sie keine Stimmen aus der Wirtschaft konsultiert. Dort sieht man das nämlich ganz anders: Nichts gegen Akademiker, aber über eine gut ausgebildete Fachkraft, die notfalls auch mit Drehbank und Feile umzugehen weiß, geht im globalen Wettbewerb nichts.

Im Gegenteil, die Wirtschaft beklagt eine "Verakademisierung" der Fachhochschulen, die sich auf Teufel-komm-raus einen universitären Nimbus verpassen wollen. Selbst Schweizer Kindergärtnerinnen haben heutzutage ein "Bachelor of Arts" und eine "wissenschaftliche" Diplomarbeit mit vielen Fußnoten und einem Literaturverzeichnis verfasst.

Wer mehr Akademiker fordert, verkennt die Gauß'sche Verteilung von Fähigkeiten in der Bevölkerung. Am Ende wird es eine Vielzahl hochgebildeter, aber zutiefst frustrierter Arbeitsloser geben. Probe aufs Exempel: In der Schweiz korreliert die Jugendarbeitslosigkeit erschreckend genau mit der Maturaquote. In Westschweizer Kantonen sind beide Quoten am höchsten. Ob sich daraus ein sinnvolles Ausbildungs- und Gesellschaftsmodell ableiten lässt?

Und noch etwas: Den Befürwortern hoher Abiturquoten kann man den Vorwurf einer gewissen Überheblichkeit nicht ersparen. Als Schreibtischtäter verkennen sie den Wert der praktischen Arbeit völlig. Ohne es ihnen wünschen zu wollen - aber wer wird einmal liebevoll ihren Nachttopf leeren, wenn sie im Jahr 2030 im Pflegeheim sind?

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