Hummlers Aussicht: Schönreden als Berufung

Hummlers Aussicht
Schönreden als Berufung

Es zeichnet sich seit längerem ab, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise sehr ernsthafter Natur ist. Gerade deswegen wird jede Äußerung der Notenbanker besonders aufmerksam aufgenommen. Doch wie sind die jüngsten Äußerungen von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet zu werten?

Wir sind Herrn Jean-Claude Trichet von der Europäischen Zentralbank sehr dankbar für die Belehrung von vergangener Woche über konjunkturelle und monetäre Zusammenhänge. Der von der Buchstabenfolge her fast nicht existente Unterschied zwischen Disinflation und Deflation habe de facto eine enorme Bedeutung, sagte der EZB-Präsident uns. Disinflation bezeichne den Zustand fallender Inflationsraten, Deflation dagegen fallende Preise.

Wenn wir es richtig sehen, dann liegt der Unterschied mathematisch gesehen im Differenzialbereich. Die Inflationsrate gibt eine Wachstumsgeschwindigkeit von Preisen an; sinkt diese Geschwindigkeit, dann wäre dies also Disinflation. Fiele sie aber unter null, dann würde Deflation herrschen. Würde man von einer Deflation in eine Depression abtauchen, so wäre das disinflationär; umgekehrt wäre der Auftauchvorgang logischerweise Inflation. Alles klar so weit?

Dennoch sei angemerkt, dass Sinken sowohl im Absoluten als auch in der ersten Ableitung ein Vorgang ist, der nach unten zeigt. Vielleicht versteckt sich hinter Trichets semantischem Exerzitium denn auch weniger die Bemühung um konkrete ökonomische Begriffsverwendung als eine euphemisierende Beruhigungstaktik für den Euro-Raum.

Solcher Euphemismus ist in Notenbankkreisen nicht unüblich, vor allem seit sich abzeichnet, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise tatsächlich sehr ernsthafter Natur ist. Man glaubt, Medizinmann spielen zu müssen und mit beschwörenden (semantischen ?) Formeln das Unglück fernhalten zu können. Vor anderthalb Jahren behaupteten Fed-Gouverneur Ben Bernanke und sein damaliger Kollege Henry Paulson aus dem US-Finanzministerium, die Subprime-Verluste würden 50 Milliarden Dollar nicht übersteigen. Nicht einmal ein Jahr später legten sie 700 Milliarden Dollar in den Rettungsfonds. Es gab Zeiten, in denen die Vertreter von Notenbanken entweder schwiegen oder aber die beredte Inhaltslosigkeit beherrschten.

Hoffen wir, Herr Trichet von der Europäischen Zentralbank könne dabei bleiben, den Wirtschaftsabschwung im Euro-Raum lediglich in der ersten Ableitung zu nennen. Hoffnung stirbt zuletzt, bei Euphemikern sozusagen ex officio.

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