Hunger nach Gerüchten
Internetgerüchte bestimmen in Kriegszeiten den Aktienhandel

Der Krieg hat seine eigenen Gesetze. Dies gilt nicht nur für die Profis im Pentagon, sondern auch für die an der Wall Street, in der Londoner City oder in den Frankfurter Bankentürmen.

vwd FRANKFURT. Mit dem Ende der diplomatischen Bemühungen im Irak-Konflikt scheinen auch an den Finanzmärkten die bekannten Verhaltensweisen über den Haufen geworfen zu sein. Gerüchte, Spekulationen, Mutmaßungen - in diesen Tagen zählt alles, was vermeintlich Auskunft über den Kriegsverlauf gibt. Handfeste Unternehmenszahlen und Konjunkturdaten scheinen vorerst als Marktkompass ausgemustert zu sein.

Informationsvorsprung war immer schon eine der wichtigsten Voraussetzungen für erfolgreiche Börsengeschäfte. Seit Beginn der militärischen Auseinandersetzung im Land zwischen Euphrat und Tigris hat sich daran allerdings grundsätzlich etwas geändert: Dienten bisher vor allem fundiert recherchierte Meldungen seriöser Medien diesseits und jenseits des Atlantiks als Grundlage für Investmententscheidungen, ist seit dem Fall der ersten Bombe auf Bagdad die Zeit der Gerüchte über den Kriegsverlauf angebrochen.

Hunger nach Gerüchten

Wo noch vor wenigen Wochen die Augen in den Handelsräumen des Frankfurter Bankenviertels fast pausenlos auf die im Sekundentakt in die Terminals einlaufenden Meldungen gerichtet waren, wird jetzt immer öfter auf farbenfrohe Internet-Seiten geblickt. "Jeder hat seine Lieblingswebseiten, um am schnellsten die neuesten Gerüchte aus der Krisenregion zu erfahren", sagt ein Investmentbanker.

Auch die Logos auf den TV-Schirmen haben sich geändert: n-tv oder N24 werden ersetzt durch Sky-News oder Fox. "Es sind nicht mehr nur die gut recherchierten Nachrichten und TV-Beiträge, die maßgeblich sind. Was wir brauchen sind Einschätzungen der Lage und zeitnahe Berichte aus dem Kriegsgebiet - der Wahrheitsgehalt ist dabei erstmal zweitrangig", so der Investmentbanker. Solange die Masse der Börsianer auf Grundlage der gleichen Informationen handele, sei deren Richtigkeit zunächst gleichgültig, lautet das Motto.

Nahost-Webseiten gelten als die Favoriten

Kein Wunder also, dass die Server von Internetseiten, die bis vor wenigen Wochen nur eingefleischten Nahost- und Militär-Fans bekannt waren, unter dem Ansturm der Zugriffe zusammenzubrechen drohen. Größter Beliebtheit erfreut sich zum Beispiel www.debka.com: Eine israelische Webseite, die vor allem durch die Gerüchte um den Gesundheitszustand von Saddam Hussein in den ersten Kriegstagen berühmt wurde. "Kurz nach Kriegsbeginn wurde diese Seite als heißer Favorit in unserem internen Chat-System gehandelt, und sie ist es auch weiterhin", sagt ein Londoner Aktienhändler. Daneben würden aber auch arabische Seiten wie arabicnews.com, albawaba.com, arabworldnews.com oder english.aljazeera.net regelmäßig beobachtet.

Positionierung schwierig wie in einem Sandsturm

Als behindere der irakische Sandsturm den Weitblick, fällt es den Börsianern immer schwerer, sich zu positionieren. In dieser brodelnden Gerüchteküche wird versucht, mit kurzfristigen Short- und Coverage-Aktionen am Terminmarkt Profit aus den starken Schwankungen der Märkte zu schlagen.

"Für langfristig orientierte Anleger ist das natürlich nichts. Daher rufe ich auch meine Kunden nicht bei jedem neuen Gerücht an", berichtet auch ein Frankfurter Aktienhändler. Die Kunden erwarteten strategische Empfehlungen. Die Zeit dafür komme aber erst noch, meint der Börsianer und hofft, dass ein Ende des Krieges absehbar wird: Dann kehre auch an die Finanzmärkte die Normalität zurück.

Bis es soweit ist, wird in den Handelsräumen weiter das Internet nach den jüngsten Spekulationen durchkämmt, führen kurzfristige Engagements am Terminmarkt zu anhaltend starken Kursschwankungen bei Dow, Dax und Co.

Und das, obwohl schon Clausewitz wusste: "Ein großer Teil der Nachrichten, die man im Krieg bekommt, ist widersprechend, ein noch größerer ist falsch und bei weitem der größte einer ziemlichen Ungewißheit unterworfen".

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