Hungrig nach Arbeit

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Hungrig nach Arbeit

Ab 2004 wird die Europäische Union um zehn Mitglieder erweitert. Schon heute sind die osteuropäischen Länder für westliche Wirtschaftsunternehmen attraktive Standorte, findet Prof. August-Wilhelm Scheer (*) , und sie bringen das erstarrte Deutschland unter Druck.

Nach der Freude kam der Schock. So haben viele Deutsche die Wiedervereinigung in Erinnerung. Statt blühender Landschaften gab es im Osten zunächst überall marode Firmen, zementierte Strukturen und starres Denken. West und Ost prallten aufeinander. Auch wenn Skeptiker eine Wiederholung befürchten: Polen, Ungarn, Tschechien, die Slowakei, Slowenien, Estland, Lettland, Litauen, Zypern und Malta sind auf die EU besser vorbereitet als viele glauben.

Die Privatisierung der Banken und Deregulierung vieler Branchen schreitet voran. Bei Finanzdienstleistern, Energieversorgungsunternehmen und in der öffentlichen Verwaltung laufen große Projekte zur Restrukturierung und Prozessoptimierung, um die Effizienz zu steigern. In der Tschechischen Republik und in Ungarn ist heute bereits jeder dritte Arbeitsplatz mit Computern ausgestattet; bei der IT-Ausstattung sind viele Unternehmen bereits auf West-Niveau. Die jüngere Generation hat eine hervorragende Ausbildung und orientiert sich an internationalen Standards. Beispielsweise steht Bulgarien, das noch gar nicht in der ersten Aufnahmerunde vertreten ist, in Europa an dritter Stelle bei der IT-Ausbildung. Bereits heute unterhalten die dortigen Softwareunternehmen respektable Labors, in denen neue Programme und Ansätze entwickelt werden.

Überall herrscht Aufbruchstimmung und wird mit großer Energie an einer modernen Wirtschaft gearbeitet. Im riesigen Carrefour-Supermarkt von Prag mit 30 Kassen sausen die Beschäftigten auf Inlineskates durch die Regalreihen. Durch die Investitionen westlicher Länder sind auch Wertvorstellungen, Denk- und Verhaltensweisen verändert worden. Die Annäherung ist überall spürbar. Die Eingliederung wird für die Bevölkerung keine abrupte Wende sein wie es Ende der 80er Jahre für die damalige DDR war.

Chancen der EU-Erweiterung sind groß

Die Chancen der EU-Erweiterung sind groß und übersteigen die Risiken und Integrationsprobleme, die mit der Aufnahme von zehn neuen Staaten verbunden sind, bei weitem. Mit 450 Millionen Einwohnern wird die EU nach der Erweiterung mit der NAFTA den nachfragestärksten Wirtschaftsraum der Welt bilden und der EU ein größeres Gewicht verleihen. Mit einem prognostizierten Wachstum von drei bis vier Prozent pro Jahr übertreffen die osteuropäischen Länder den Standort Deutschland bei weitem. Allein im Bereich der IT-Dienstleistungen erwartet das Marktforschungsinstitut IDC bis 2004 ein jährliches Wachstum von über 20 Prozent.

Bereits heute blicken viele Unternehmen gen Osten und sind dort auch schon aktiv. Die osteuropäischen Länder haben nicht die hohen Belastungen wie die westlichen Sozialstaaten. Die Arbeitsbedingungen sind weniger reglementiert. Kein Wunder, dass bei Entscheidungen amerikanischer IT-Konzerne über neue Standorte Deutschland mit seinem schwachen Wachstum schlechte Karten hat und zunehmend die osteuropäischen Länder in Betracht kommen, wo auch mal zehn Stunden am Tag gearbeitet werden darf. Drei Viertel der Top-Manager deutscher Unternehmen geben an, bereits in den Osteuropa-Ländern aktiv zu sein. Die räumliche Nähe, die lange europäische Tradition mit einem gemeinsamen Kulturerbe und der Vorteil, dass viele Tschechen, Ungarn und Polen deutsch sprechen, erleichtern das Engagement.

Menschen im Osten bescheidener und anspruchsloser

Die Menschen im Osten sind bescheidener und anspruchsloser, gleichzeitig aber hungriger und ambitionierter. Mit ihrer Offenheit für die westliche Welt werden sich die Menschen sehr schnell auf die neue Situation und hiesige Lebensformen einstellen. Die Gefahr, dass die Länder ausbluten könnten wie Ostdeutschland ist nicht zu befürchten, weil die Lohnkostendifferenz ein Vorteil ist und eher zu einem Sog westlicher Wirtschaftsunternehmen in die neuen EU-Länder führen wird.

Für Deutschland sind die östlichen Nachbarland attraktive Absatzmärkte und eine Quelle für neues Wachstum. Bereits heute beträgt die Exportrate mehr als zehn Prozent. Andererseits ist der Aufbruch in diesen Ländern ein Anlass mehr, über den Tellerrand zu blicken. Die asiatischen Schwellenländer sind weit weg. Vielleicht machen uns die östlichen Nachbarn deutlich, dass Deutschland die Themen Innovation und Wirtschaftswachstum nicht gepachtet hat. Mit der Globalisierung holen andere Länder auf und entwickeln sich oft schneller als viele denken zu ernstzunehmenden Wettbewerbern.

Infrastruktur und Managementkompetenz fehlen noch

Was den Beitrittsländern noch fehlt sind Infrastruktur und Managementkompetenz. Auch im Verhalten von Behörden und der älteren Generation kann man teilweise noch das alte, zentralistische Denken erkennen. Sicher wird es einige Jahre dauern, bis Tschechien, Polen oder die andern EU-Niveau erreicht haben. Es gibt schon großen Nachhol- und Anpassungsbedarf. Außerdem darf man EU-Niveau nicht nur mit hohen Kosten gleichsetzen. Es bedeutet auch Qualität und professionelles Management.

Doch die Chance liegt jetzt darin, das wirtschaftliche Europa einschließlich Russland als Gegengewicht zur USA aufzubauen, was gerade in High-tech-Bereichen und in Bezug auf den Wachstumsmarkt China wichtig und spannend ist.

(*) 1985 legte der gebürtige Westfale Prof. Dr. Dr. h.c. mult. August-Wilhelm Scheer den Grundstein für die IDS Scheer AG. Seit November 1999 ist Scheer Beauftragter des Ministerpräsidenten des Saarlandes für Innovation, Technologie und Forschung. Lesen Sie mehr über den leidenschaftlichen Jazz-Musiker in seinem Portrait weiter ...

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