Hypo-Vereinbank
Report: Neuer Chef gesucht

Die Zeit drängt: Albrecht Schmidt muss bald die Nachfolge an der Spitze der Hypo-Vereinsbank regeln. In der Krise hat er die Wahl zwischen Kontinuität und Aufbruch. Die Unruhe in Europas drittgrößter Bank wächst - auch weil überall gespart wird.

MÜNCHEN. Als vor Monaten Bauarbeiter den Tresorraum der alten Bayerischen Staatsbank, eines der Vorgängerinstitute der Hypo-Vereinsbank (HVB), heben wollten, neigten sich die unter Denkmalschutz stehenden Fassaden bedrohlich. Doch das protzige, mit Stuck verzierte Gemäuer in der Münchener City hielt stand. Die Bauarbeiten konnten trotz der Panne weitergehen, aber sie werden jetzt länger dauern - genauso wie der interne Umbau von Europas drittgrößter Bank.

Eigentlich wollte sich Bankchef Albrecht Schmidt im kommenden Jahr mit einer goldgeränderten Bilanz in den Ruhestand verabschieden. Doch die Börsenkrise macht diese Pläne endgültig zunichte. Die HVB-Aktie war zuletzt im freien Fall. Der 64-jährige Bankchef alter Schule - immer korrekt im dunklen Anzug mit Einstecktuch und Manschettenknöpfen gekleidet - muss noch mal richtig ran.

Blass, die Lippen zu einem dünnen Strich verkniffen, unruhig - so verkündete Schmidt in der vorvergangenen Woche erstmals in der Geschichte der Bank einen Quartalsverlust. Besserung ist nicht in Sicht. Schmidt muss angesichts wegbrechender Erträge den Sparkurs nochmals verschärfen. Er streicht jetzt dort, wo es manchem besonders wehtut - bei Dienstwagen, Büromöblierung und Dienstreisen. Motto: "Schöner Wohnen war gestern".

Nachfolger ist schon an Bord

Viel Zeit bleibt ihm nicht mehr: Am 14. Mai 2003, dem Tag der nächsten Hauptversammlung, wird Schmidt seinen Schreibtisch als Vorstandssprecher räumen. Die desolate Lage ist zwar alles andere als ein schöner Zeitpunkt, um abzutreten. Aber es gibt kein Zurück mehr. Schon seit Monaten wird nicht nur in der Bank, sondern auch bei Analysten, Konkurrenten und Kunden heiß diskutiert: Wer wird neuer Chef ?

"Mein Nachfolger ist an Bord", lautet die Standardantwort Schmidts. Eine Entscheidung wird in wenigen Wochen erwartet. Vertraute Schmidts versichern, das Rennen sei nach wie vor offen. "Ich hoffe, dass bald eine Entscheidung kommt. Die Unsicherheit wird immer größer", klagt einer aus dem oberen Management.

Auch wenn das Gerangel hinter den Kulissen zunimmt: "Es gibt keinen Krieg um die Nummer eins", sagt jemand, der den Konzern gut kennt. Kein Wunder, ist der Chefsessel doch kein Schönwetterposten, ein Krisenmanager ist gefragt. Drei Favoriten haben sich im Vorstand in Position gebracht: Dieter Rampl (54), Stefan Jentzsch (41) und Stephan Bub (44). Letzterem werden aber nur Außenseiterchancen eingeräumt. Der gebürtige Frankfurter, der von New York aus das Amerika- und Asiengeschäft führt, wurde zwar zuletzt immer öfter in München gesichtet, doch seine Hausmacht sei zu klein, heißt es.

Der einflussreiche Kreditvorstand Rampl ist dagegen zweifellos ein Krisenmanager. Der gelernte Bankkaufmann hatte zuletzt das Firmenkundengeschäft saniert und so manche heiße Kartoffel aus dem Feuer geholt. Rampl und seine Leute leiten auch die Verhandlungen zur Rettung der Kirch-Gruppe. Der gebürtige Münchener mit dem bayerischen Zungenschlag und der hohen Stirn ist - bis auf ein siebenjähriges Intermezzo bei der BHF-Bank - seit 1968 bei der Vereinsbank und gilt als Weggefährte Schmidts. Rampl steht inner- und außerhalb der Bank für Kontinuität und Ruhe - wichtig gerade in turbulenten Zeiten.

Ganz anders Jentzsch: Er begann seine Karriere 1985 zwar auch bei der Vereinsbank, doch schon zwei Jahre später zog es ihn zu Goldman Sachs. Dort machte er sich schnell einen Namen, betreute den Telekom-Börsengang und fädelte 1998 für die Allianz die Fusion von Vereinsbank und Hypo-Bank ein. Seit Mai 2001 sitzt der jugendliche Ausdauersportler im Vorstand. Im Gegensatz zu Rampl verfügt er intern noch nicht über genügend "Stallgeruch". Aber enge Mitarbeiter loben seine Teamarbeit.

Jentzsch steht für einen neuen Kurs

Der Investmentbanker, der entgegen der strengen Bankertradition auch mal hellere Anzüge trägt, würde dem Konzern sicher einen neuen Kurs verschreiben - weniger Hierarchie, mehr Eigenverantwortung, deutlichere Konzentration auf Ertragsstärkung. Zuletzt lobte Schmidt ausdrücklich die Erfolge von Jentzsch beim Umbau der Vermögensverwaltungs-Sparte.

Doch nicht Schmidt hat das letzte Wort, sondern Hans-Jürgen Schinzler. Der mächtige Chef der Münchener Rück ist HVB-Großaktionär und bestimmt damit den weiteren Kurs des Konzerns. Hinter vorgehaltener Hand wurde zuletzt getuschelt, die Münchener Rück sei gegen Jentzsch, weil er die Fusion der Vermögensverwalter beider Konzerne verhindert hatte. Doch das Verhältnis zwischen Jentzsch und Rück scheint gut: Auf einer Party zu den Opernfestspielen vor wenigen Wochen wurde Jentzsch mit Heiner Hassford, dem starken Mann im Rück-Vorstand, gesichtet - fröhlich lachend.

Hilfreich für das Klima ist wohl auch, dass der Versicherer die Übernahmepläne offenbar zu den Akten gelegt hat. Mit Grausen beobachten die Rück-Manager die Probleme der Allianz mit der Dresdner Bank. Den internen Befürwortern einer Bankübernahme gehen angesichts des Allianz-Desasters die Argumente aus.

Wer auch immer zum Nachfolger auserkoren wird: Schmidt wird auch künftig ein Wort mitreden - als Chef des Aufsichtsrates. Es gilt als sicher, dass Schmidt den Posten von Kurt Viermetz übernehmen wird. Jetzt aber fährt Schmidt erst einmal in den Sommerurlaub nach Italien - Zeit zum Nachdenken, wer derzeit der Beste unter ihm ist.

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