Hypo-Vereinsbank-Chef Albrecht Schmidt im Gespräch
Commerzbank-Kauf nicht auf HVB-Agenda

Die Hypo-Vereinsbank plant derzeit nach Angaben von Konzernchef Albrecht Schmidt keine Übernahme der Commerzbank. "Das steht nicht auf der Tagesordnung", sagte Schmidt im Handelsblatt-Interview:

Gerhard Schröder hat die Wahl gewonnen, jetzt müssen dringend Reformen angepackt werden. Wenn Sie Kanzlerberater wären, was würden Sie Herrn Schröder raten?

Die Weltwirtschaft und Deutschland sind in einer schwierigen Situation. Da reicht es nicht, sich an einem großen, runden Tisch zusammenzusetzen oder im Fernsehen zu diskutieren. Das führt nur dazu, dass man den Splitter im fremden Auge, aber nicht den Balken im eigenen sieht. Das Hauptproblem in Deutschland ist die Unflexibilität des Arbeitsmarkts, genauer: des Arbeitsrechts. Jetzt muss die Politik konkrete Vorschläge umsetzen. Meine zentrale Botschaft dazu lautet: Entlastet die Wirtschaft, tut alles, was Wachstum fördert, nicht verhindert! Und befreit das Land von den alten Ritualen!

Wird es der neue Superminister Wolfgang Clement richten können?

Das hängt davon ab, wie schnell und wie entschlossen er die Probleme bei ihren Wurzeln packt. Ich wünsche ihm jedenfalls viel Glück und viel Erfolg.

Immer öfter wird ein Vergleich zwischen der deutschen und der japanischen Wirtschaft angestellt - schwere Wirtschaftskrise und ein finanziell schwaches Bankensystem. Geht Deutschland den gleichen Weg wie Japan?

In Japan blieben die Strukturen starr, die Situation wurde schöngeredet, und man hat einfach auf bessere Zeiten gewartet. Das ist tödlich. Gott sei Dank sind wir zurzeit davon noch weit entfernt. Aber wir müssen jetzt alles tun, was Japan damals versäumt hat. Das heißt, wir müssen die Haushalte freischaufeln von unnötigen Subventionen. Wir müssen den Arbeitsmarkt flexibilisieren, die Unternehmen im größeren Freiraum schlank und effizient aufstellen.

Kann Deutschland die Reformen schaffen?

Manche Politiker scheinen den Ernst der Lage noch nicht begriffen zu haben. Die Bevölkerung versteht und will Ehrlichkeit, auch von den Gewerkschaften. Wir dürfen nicht die Fehler Japans machen: in Erinnerung und Starrheit verweilen, auf bessere Zeiten hoffen und schönreden - das ist Selbstbetrug.

Das kommt uns beängstigend bekannt vor. Wie viel Zeit haben wir noch?

Die nächsten zwölf Monate werden entscheiden, ob wir japanische Verhältnisse bekommen oder wieder eine starke Wirtschaftsnation werden. Ich vertraue immer noch auf die enorme Kraft einer Gesellschaft, die dann freigesetzt wird, wenn es wirklich schwierig wird. Das hat Deutschland in der Zeit des Aufbaus nach dem Krieg bewiesen. Das hat auch die ostdeutsche Bevölkerung nach der Vereinigung gezeigt. Und es muss wahrscheinlich erst mal so schlecht kommen, bis alle begreifen.

Wie lange wird die Krise dauern?

Wir müssen alle ganz schnell unsere Hausaufgaben machen. Und wir müssen in den nächsten zwölf Monaten handeln - also in den nächsten Wochen die richtigen Entscheidungen treffen. Wenn nicht, dann kann der Weg aus der Krise lange dauern. Dieses Risiko ist tatsächlich da. Aber auch die Chance. Es liegt an jedem Einzelnen von uns: Den Rahmen zu schaffen, da ist die Politik und sind die Verbände gefragt, den Rahmen auszufüllen, da sind die Unternehmen gefordert. Und ich bin recht optimistisch, denn die Verantwortungsträger bekommen jetzt Druck: Die Menschen wollen die Wahrheit, und sie wollen anpacken.

Die öffentlichen Kassen sind leer. Wie kann der Kanzler die Haushaltskrise in den Griff bekommen?

Hände weg von Steuern! Eine Vermögensteuer etwa ist nicht nur schädlich, sondern als Substanzsteuer existenzvernichtend für ein Unternehmen, das nichts verdient. Im Haushalt müssen alle Möglichkeiten genutzt werden, dort einzuschneiden, wo wirklich Speck in guten Zeiten angesetzt wurde. Das gilt besonders für Subventionen, die nicht das Wachstum fördern, sondern nur Besitzstände sichern.

Zurzeit wird erneut die Frage diskutiert, ob Veräußerungsgewinne weiterhin steuerfrei bleiben sollen. Wäre eine moderate Besteuerung wirklich so schädlich?

Im Augenblick ist all das, was Unternehmen belastet, kontraproduktiv. Zudem würde das auch nichts bringen. Denn genauso wie ich Veräußerungsgewinne nicht mehr versteuern muss, so kann ich auch Veräußerungsverluste nicht von der Steuer abziehen. Das wäre im Augenblick, wo die Börse eher unter Wasser ist, aber der Fall. Außerdem kann ich nicht etwas einführen und nach einem Jahr schon wieder sagen: "April April, das war?s." Das kostet Glaubwürdigkeit.

Die Wirtschaft ist doch bereits entlastet worden. Müssen denn die Unternehmen nicht auch selbst einen Beitrag leisten?

Ich darf zwei Sachen korrigieren. Erstens: Zumindest der Mittelstand ist belastet und nicht entlastet worden. Zweitens: Unternehmen zahlen deshalb keine Steuern, weil sie im Inland im Augenblick nichts verdienen. Aber gerade deshalb müssen die Unternehmen jetzt alles tun, um sich im Wettbewerb mit den ausländischen Unternehmen stärker zu machen. Sie müssen sich so effizient wie möglich aufstellen, also Prozesse verschlanken, möglichst viele Menschen in Produktion und Vertrieb bringen, möglichst wenige Menschen in unproduktiven Stäben haben.

Auch die Banken haben mit großen Problemen zu kämpfen...

Auch die Banken müssen schlanker werden und beweisen, dass sie wieder Geld verdienen können. Denn wir sind nicht mehr so aufgestellt, wie es die Zukunft erfordert. Das Problem ist: Uns ist es sehr lange gut gegangen. Vereinigungs-Boom, Immobilien-Boom, Wertpapier-Boom. Da wurde jeder Fehler geheilt. Aber schauen Sie sich an, wie schnell alle Banken in Deutschland reagieren. Die Kollegen haben dafür meinen tiefen Respekt.

Die Konsolidierung auf dem deutschen Bankenmarkt wird weitergehen. Wann übernehmen Sie die Commerzbank?

Das steht nicht auf der Tagesordnung. Alle Banken haben jetzt erst einmal im geänderten Umfeld ihre Hausaufgaben zu machen, rasch und effizient. Und was meine Kollegen von der gelben Bank da vorlegen, ist prima und weit besser, als interessierte Kreise wahrhaben wollen.

Aber es gibt doch zu viele Banken.

Überhaupt keine Frage, dass wir eine zu hohe Angebotskapazität haben. Aber noch mehr außer Frage steht, dass hinter der Angebotskapazität zu wenig schlanke Strukturen stehen. Wir müssen weiter straffen.

Was heißt das für Ihren Konzern?

Wir haben bisher angekündigt, dass wir 9 100 Stellen streichen. Und wir überprüfen permanent unsere Prozesse. Da können auch weitere Stellen betroffen sein. Wir machen das Schiff nicht nur wetterfest, sondern arbeiten auch hart an der Produktivität in den Geschäftsfeldern und am Geschäftsfeldportfolio, damit wir am Ende eine von zwei großen Banken in Deutschland sein werden.

Ihr Aktienkurs rauscht seit Monaten in den Keller. Ist die Hypo-Vereinsbank selbst ein Übernahmekandidat?

Zunächst zur Börse. Sie übertreibt maßlos, und an dem sich selbst verstärkenden Pessimismus freuen sich nur die Hedge-Fonds. Lassen wir die Kirche im Dorf. Die Zeiten sind schwieriger geworden, aber die Menschen - das eigentliche Kapital - nicht schlechter. Im Gegenteil: Sie können und wollen anpacken, und es ist unsere Aufgabe, ihnen das zu ermöglichen. Und wir in der Hypo-Vereinsbank sind immer mal wieder in schwierigen Zeiten gewesen und haben sie immer gemeistert, weil wir gekämpft haben. Wenn wir unseren Job nicht richtig machen, dann dürfen wir uns nicht beschweren, wenn jemand anderes kommt, der es besser machen kann.

Greift denn der Sparkurs?

Ja, weil der Druck da ist. Ein Beispiel: Wir haben eine neue Reisepolitik eingeführt und damit pro Monat eine Million Euro gespart. Ich selbst reise jetzt eine Klasse niedriger, und die war gar nicht so schlecht.

Macht Ihr Großaktionär, die Münchener Rück, Druck, so wie die Allianz bei der Dresdner Bank?

Wir haben bei der Hypo-Vereinsbank die Verantwortung und die Tradition, Erfolg selbst zu gestalten. Und Erfolg heißt auch eine gute Rendite für den Aktionär.

Auf hoher See soll man den Kapitän nicht auswechseln. Sie selbst werden aber im Mai kommenden Jahres die Kommandobrücke verlassen. Wer wird Ihr Nachfolger?

Das läuft gut vorbereitet. Mein Nachfolger ist an Bord. Er ist eingearbeitet und agiert mit mir. Bis Ende des Jahres haben Sie Klarheit.

Ist schon eine Entscheidung gefallen?

Das würde man wohl sehr schnell merken. Nichts ist so verräterisch wie Gesichter.

Haben Sie keine Angst, dass diejenigen, die übergangen werden, die Bank dann verlassen?

Nein, wir sind im Vorstand ein gutes Team.

Werden Sie selbst dann den Vorsitz des Aufsichtsrats übernehmen?

Das liegt bei den Aktionären und damit in guten Händen. Rechnen Sie nicht mit Überraschungen.

Quelle: Handelsblatt

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