IAS oder US-Gaap helfen nur bedingt
Kommentar: Bilanzierung hinkt der Marktbewertung hinterher

Unternehmen des Neuen Markts zeichnen sich auch heute noch durch eine relativ hohe Marktkapitalisierung (Anzahl aller Aktien multipliziert mit dem Börsenkurs) aus. Wird diese Größe in Relation zum bilanziellen Eigenkapital gesetzt, stellen sich bei Unternehmen des Neuen Markts weit höhere Kennzahlenwerte als bei anderen Unternehmen ein.

HB. Je größer die Kluft zwischen der Marktkapitalisierung und dem bilanziellen Eigenkapital wird, umso mehr müssen außerbilanzielle Faktoren die Lücke zwischen den beiden Größen ausfüllen. Diese Diskrepanz (so genannte Werte- oder Bilanzlücke) repräsentiert die Zukunftserwartungen der Anleger.

Falls diese nicht erfüllt werden, wird das Unternehmen - so lehrt es die jüngste Vergangenheit - durch sinkende Kurse abgestraft und die Marktkapitalisierung zurückgeführt.

Immer mehr Werttreiber werden nicht mehr erfasst

Mit Blick auf die Bilanzierung als ein wesentliches Instrument der Kapitalmarktkommunikation wirft die Werte- oder Bilanzlücke Fragen grundsätzlicher Art auf. Denn je größer diese ist, umso mehr Werttreiber werden von der klassischen Bilanz nicht mehr erfasst und gehen damit an der traditionellen Rechnungslegung vorbei. Und wenn - wie bei Intershop zu Spitzenzeiten - nur noch weniger als 0,5 % des gesamten Börsenwerts als Eigenkapital in der Bilanz stehen, drängt sich die Frage auf, ob die traditionelle Bilanz noch zeitgemäß ist.

Ein Übergang von der HGB-Rechnungslegung zur internationalen Rechnungslegung nach IAS oder US-Gaap vermag keine Abhilfe zu schaffen. Zwar sind die Abbildungsregeln des immateriellen Vermögens nach IAS und US-Gaap weniger restriktiv als nach HGB. Allerdings sind auch diese Normensysteme von den Kriterien der Zuverlässigkeit und Nachprüfbarkeit geprägt. Dadurch wird auch bei ihrer Anwendung ein großer Teil der immateriellen Faktoren nicht erfasst, obwohl diese essenziell für die zukünftige Entwicklung des Unternehmens sind und einen erheblichen Teil des Unternehmenswerts ausmachen.

Missverhältnis zwischen Bilanzwert und Marktwert

Offen zu Tage tritt das beschriebene Missverhältnis zwischen Bilanzwert und Marktwert des Unternehmens bei Unternehmensverkäufen. Auf Grund der überragenden Bedeutung des Intellectual Property für die Wettbewerbsfähigkeit und den unternehmerischen Erfolg entfällt bei Akquisitionen eine immer größere Summe des Kaufpreises auf diese Faktoren. So gelangen sonst nicht bilanzierungsfähige Komponenten in Gestalt des Geschäfts- oder Firmenwerts in die Konzernbilanz.

Im Einzelabschluss sind diese außerbilanziellen Wertfaktoren Bestandteil der Anschaffungskosten von Anteilen. Spätestens seit den Zusammenschlüssen von Vodafone/Mannesmann sowie Daimler-Chrysler wurde der hohe Stellenwert der gelegentlich auch als "nebulös" bezeichneten Position Geschäfts- oder Firmenwert eindrucksvoll unterstrichen. Definiert als Residualgröße zwischen Kaufpreis und dem zu Zeitwerten bewerteten Reinvermögen, zeigt er, welcher Anteil der Anschaffungskosten für außerbilanzielle Faktoren gezahlt wurde.

Bei seiner Analyse ergeben sich insbesondere zwei Probleme: Zum einen sind in der so ermittelten Größe eine Vielzahl unterschiedlicher Werttreiber enthalten, die erst durch ihre Aufgliederung auf Unternehmensbereiche und Einzelfaktoren Aussagekraft gewinnen und einer internen Steuerung als auch der externen Berichterstattung zugänglich werden.

Gleichzeitig wird deutlich, dass in all den Fällen, in denen die Faktoren nicht durch Unternehmenskäufe aufdeckt werden, die Analyse keineswegs einfacher ist. Auch in diesen Fällen gilt es, die auch hier vorhandenen außerbilanziellen werttreibenden Faktoren zu systematisieren, intern zu steuern und extern zu berichten. Dies erfordert jedoch eine Weiterentwicklung der bisherigen Rechnungslegung.

Immer wichtiger wird der Blick in die Zukunft, während das reine Nachrechnen vergangener Perioden zur Ausschüttungsbemessung an Bedeutung verliert. Ein sich in diese Richtung entwickelndes Berichtswesen wird vermehrt Informationen über die verfolgte Strategie, die Marktstellung als auch das Marktpotenzial und schließlich nicht-finanzielle Indikatoren berichten müssen.

Strategische Bilanz sollte die klassische Bilanz ergänzen

In Bezug auf die Bilanzanalyse bedeutet dies, dass die traditionell kennzahlenorientierte Bilanzanalyse um eine strategische Analyse ergänzt und damit zur Unternehmensanalyse ausgebaut werden muss. Dabei sind die internen Entscheidungsgrundlagen offen zu legen, sofern man den Forderungen des Marktes entsprechen will. Ein Instrument, das diese erweiterten Informationswünsche berücksichtigen könnte und hierdurch zur Transparenz der Werte- oder Bilanzlücke beitragen kann, wäre eine Informationsbilanz der immateriellen Erfolgsfaktoren. Diese Informationsbilanz, deren Aufbau und Inhalt es noch im Einzelnen festzulegen gilt, könnte die einzelnen Werttreiber zunächst aufnehmen und systematisieren. Die Bewertung dieser Faktoren müsste sodann durch eine zukunftsorientierte Betrachtungsweise geprägt sein, die weit über die Prospektion in der traditionellen Bilanz hinausgeht.

Unter Außerachtlassung konservativer Bilanzierungsgrundsätze und in der Reduktion der Objektivierungsanforderungen und der prospektiven Wertfindung liegt die Chance für die erhöhte Aussagekraft einer solchen Ergänzungsrechnung. Die bisherigen Reformvorschläge orientieren sich noch zu sehr an der traditionellen Rechnung. Vor diesem Hintergrund ist die zukünftig zu erarbeitende Konzeption eines solchen Rechenwerks die gemeinsame Herausforderung für Forschung und Praxis in den nächsten Jahren. Nur so kann die Bedeutung der Rechnungslegung in einem veränderten Umfeld gewahrt werden. Beschränkt sich die Rechnungslegung hingegen auch zukünftig auf das bloße Nachrechnen der Vergangenheit und die Dominanz der materiellen Werte, wird ihre Bedeutung im gleichen Maße abnehmen wie der Unternehmenserfolg mehr und mehr durch außerbilanzielle, zukunftsorientierte Faktoren bestimmt wird.

Karlheinz Küting ist Direktor des Instituts für Wirtschaftsprüfung an der Universität des Saarlandes.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%