Icann ist keine Regierung
Interview mit Esther Dyson

Esther Dyson ist Vorsitzende des Icann-Direktoriums und Vorstand der EDventure Holdings, einer Venture Capital Gesellschaft, die in Internet-Startup-Firmen investiert. Außerdem ist sie in weiteren Vorständen und Aufsichtsräten von Internetfirmen in aller Welt vertreten. Davor arbeitete sie als Analystin bei New Court Securities (1977-80) und Oppenheimer & Co. (1980-82). Außerdem war sie Reporterin für das Forbes Magazin (1974-77). Esther Dyson hat Ökonomie an der Harvard University studiert und wurde 1998 als eine von 9 Direktoren in das Icann-Gremium berufen.

Handelsblatt:


Wie würden Sie die Philosophie Ihrer Arbeit bei Icann beschreiben?



Esther Dyson:


Ich setze das Internet und Icann in Beziehung zu E-Business und versuche zu einer globalen Sicht des Internets zu kommen. Ich möchte herausfinden, wie das Internet die Kommunikation der Menschen, die Geschäftsmodelle, ja sogar die Machtstrukturen unserer Welt verändert und wie wir als Icann darauf reagieren müssen, um zu verhindern, dass einzelne Interessengruppe zu viel Macht erhalten.



Handelsblatt:


Können Sie die Entwicklung von realer und virtueller Welt beschreiben?



Esther Dyson:


Hier verlaufen die Entwicklungen durchaus ähnlich. Zuerst gab es EDI (red. Electronic Data Interchange ist ein internationaler Standard. Er vereinbart bei Geschäftsvorgängen, besonders im B2B, die elektronische Übermittlung von Daten) und Kommunikation fand "Eins zu Eins" statt. Die Wahlmöglichkeiten, was Vertragspartner und Rechtssystem angeht, waren recht beschränkt. Dann ermöglichte das Internet ein Welt, in der ein einzelner Anbieter vielen kleinen Interessenten gegenüber steht, beispielsweise bei der Internet-Einkaufsgemeinschaften wie letsbuyit.com. Hier hatten plötzlich die vielen kleinen die Macht und die Auswahl.



Heute sehen wir die Entwicklung hin zu einer Welt, wo sich auf einzelnen Marktplätzen viele Anbieter und viele Interessenten treffen. Die Macht geht auf den größten Anbieter oder denjenigen über, der den Markt betreibt. Doch schon zeichnet sich die nächste Stufe ab: Mehrere Märkte treten zueinander in Konkurrenz. Auch in der realen Welt erhalten die Menschen zunehmend mehr Freiheit, sich zu entscheiden. Das heißt: Auch Regierungen konkurrieren untereinander und die Bürger entscheiden, in welchen System sie leben und ihre Geschäfte machen wollen. Das Internet stellt dazu die Infrastruktur. Den Regierungen gefällt das natürlich nicht.



Handelsblatt:


Es wird demnach neue Geschäftsmodelle für das Internet geben?



Esther Dyson:


Ja, zentrale Macht, auch die von Konzernen, geht verloren. Es gibt mehr Kommunikation, die Kunden wissen mehr, es wird mehr Wettbewerb geben und die Transaktionskosten werden weiter sinken. Darauf haben sich die großen Unternehmen bislang schlecht eingestellt. Man braucht sich nur den Streit um Napster anzuschauen. Mir scheint es, als ob sich ein Metzger mit seinem Kunden streitet, beide aber dabei das Huhn vergessen. Um es kurz zu machen: Ich bin für das Urheberrecht aber ich denke dennoch, die Musikkonzerne müssen sich ein neues Geschäftsmodell einfallen lassen.



Das Internet wird wie die City von Berlin sein. Es gibt Kneipen, Geschäfte oder Hotels wie dieses, in denen sich Unternehmer treffen. Sei es der Handel zwischen Firmen oder Geschäfte mit den Endkunden - im Prinzip völlig egal. Die Strategie bedeute nichts, die Ausführung alles: Nur was gut läuft, setzt sich durch.



Handelsblatt:


Welche Rolle spielt Icann bei alldem?



Esther Dyson:

Lassen Sie mich eines vorwegschicken: Icann ist keine Internet-Regierung. Ich habe den Eindruck, dass gerade in Deutschland die Menschen von dem Gedanken fasziniert sind, dass Icann eine Regierung sei, die alles regelt. Mag sein, dass das mit der deutschen Geschichte zusammenhängt. Nocheinmal, das ist absolut überbewertet. Wir regieren nicht, wollten es niemals und werden es nicht.



Handelsblatt:


Was ist Icann denn dann?



Esther Dyson:


Also, eine Regierung reglementiert das Verhalten der Menschen. Icann dagegen soll gerade dafür sorgen, dass das Internet als Resource allen zur Verfügung steht, die es nutzen wollen. Und das es funktioniert. Ich würde uns daher eher mit einem Wasserwerk vergleichen, das dafür sorgt, dass überall sauberes Wasser fließt und die Leitungen in Ordnung sind. Wir erlassen keine Gesetze und wir sind auch keine Polizei. Wir sind ein Unternehmen, das dafür sorgt, dass die Infrastruktur funktioniert und einheitlich geregelt ist. Kein Gremium, kein Verband, keine Partei oder sonst etwas. Das eigentliche Internet interessiert mich eigentlich nicht, sondern das, was damit gemacht wird. Ich verhandeln im Interesse aller Nutzer mit den einzelnen Regierungen und Unternehmen über Dinge, die das Internet betreffen. Das Internet gehört niemanden, es international.



Handelsblatt:


Wie soll dann das Internet organisiert werden, wenn nicht durch eine Regierung oder zentrale Organisation?



Esther Dyson:


Das, was im Internet geschieht, muss dezentral geregelt bleiben. Auf vertraglicher Basis zwischen Einzelnen oder Gruppen. Nur so haben die Menschen weiterhin die Wahl sich für bestimmte Anbieter oder bestimmte Plätze im Internet zu entscheiden. Und so gelten auch automatisch die bestehenden Gesetze. Wer Kinder-Pornographie im Internet verbreitet, muss natürlich nach den geltenden Gesetzen bestraft werden. Wenn mir aber beispielsweise die Bedingungen beim Auktionshaus ebay nicht passen, dann geht ich eben zu einem anderen. So sollte es in allen Bereichen sein. Ich bin der Meinung, das Konkurrenz Freiheit ermöglicht und das ist das faszinierende am Internet. Dämliche Regeln haben keine Chance. Die Leute gehen einfach in Bereiche des Internets, die nicht kontrolliert werden können. Das soll so bleiben. Icann regelt nur die Basisinfrastruktur und hält sich aus allem anderen raus.



Handelsblatt:


In Europa wurden die Icann-Wahlen heftig diskutiert und es gab viel Kritik.



Esther Dyson:


Das ist richtig und ich gebe zu: Wir haben keine perfekte Arbeitet geleistet und wir hatten eine Fülle von Problemen. Zunächst haben wir das große Interesse der Menschen unterschätzt. Außerdem war unsere Informationspolitik unzureichend. Beides führte zu Problemen bei der Registrierung der Wähler und in der Kommunikation. Wir wollten auf jeden Fall die Privatsphere der Kandidaten schützen. Außerdem hatten wir technische Probleme, die verhindert haben, dass sich alle an der Wahl interessierten in das Wählerverzeichnis eintragen konnten. Außerdem hatten wir zu wenig Geld und zu wenig Leute um alle Anfragen beantworten zu können. Wir waren einfach nicht in der Lage, eine perfekte, weltweite Wahl zu organisieren. Unser Ziel war es, eine möglichst große Transparenz zu schaffen.



Handelsblatt:


Außerdem wurde behauptet, die großen Konzerne hätten die Wahl manipuliert.



Esther Dyson:





Wenn dem so wäre, wären Karl Auerbach und Andy Müller Maguhn nicht gewählt worden. Auch wenn einiges schief gelaufen ist bei der Wahl. Die Hälfte der Mitglieder des Direktoriums wurde frei gewählt, wir haben damit jetzt auch Kritiker in den eigenen Reihen. Und wir pflegen die offenen Diskussion.



Handelsblatt:


Wie waren die Reaktionen in den USA?



Esther Dyson:


Ich bin die Vorsitzende von Icann, natürlich halte ich die Wahl für wichtig. Aber sie war natürlich nicht das Wichtigste auf der Welt und so sehen es die Menschen in den USA. Es haben sich hauptsächlich Leute engagiert, die der Meinung waren, Icann sei eine Regierung. Schon allein deshalb gab es in den USA weniger Interesse, da hier die Menschen sowieso weniger an Politik interessiert sind.



Handelsblatt:


Warum verlassen Sie Icann?



Esther Dyson:


Meine Zeit ist abgelaufen. Ich freue mich, nicht mehr für eine Meinung kritisiert zu werden, die ich nicht teile. Aber ich würde mich wieder engagieren. Ich werde die Vergabe der neuen Top Level Domains noch begleiten und dann gehe ich zurück in mein "anderes" Leben als Venture Capitalist.

Wenn Sie mit ihrem eigenem Geld Geschäfte machen, sind Sie frei, brauchen keinen zu fragen. Und je mehr Profit Sie machen, um so unabhängiger sind Sie.

Die Fragen stellten:


Julius Endert, Burkhard Ewert, Thomas Knüwer

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