«Ich bin wieder da»
«Urgestein» Grit Breuer im Zwiespalt der Gefühle

Am Ende wusste Grit Breuer nicht, was sie denken und fühlen sollte. «Ich bin im Zwiespalt der Gefühle. Wenn ich logisch denke, bin ich zufrieden», sagte die 29-jährige Magdeburgerin, «es ist aber auch traurig und deprimierend.» Zum zweiten Mal nach 1997 erreichte sie bei der Leichtathletik- Weltmeisterschaft im 400-m-Finale mit 50,49 Sekunden nur den vierten Rang.

dpa EDMONTON. Völlig überraschend gewann die Senegalesin Amy Mbacke Thiam (49,86) den WM-Titel vor Lorraine Fenton (Jamaika/49,88) und Ana Guevara (Mexiko/49,97). «Der vierte Platz ist undankbar, aber ich konnte ja nicht vor der Ziellinie stehen bleiben und Fünfte werden», scherzte Grit Breuer zu später Stunde im «Deutschen Haus» und bat, von «Beileidsbekundungen» abzusehen.

Unmittelbar nach dem Rennen lag sie ausgepumpt, verzweifelt und von den Emotionen überwältigt Minuten lang auf der Bahn, raffte sich schließlich als Letzte mühsam auf und zuckte mit den ratlos mit den Schultern. «Es ist mir sehr nahe gegangen», bekannte Grit Breuer, für die die WM ein Comeback nach langer Leidenszeit gewesen ist. Erst zehn Monate zuvor hatte sie die Olympischen Spiele in Sydney absagen und sich einer Bandscheibenoperation unterziehen müssen - mit der Ungewissheit, nie wieder laufen zu können. «Ich bin wieder da, greife an und will wieder auf das Siegerpodest», sagte das 1,66 Meter kleine Energiebündel, «schließlich bin ich hier beste Europäerin, und im nächsten Jahr sind die Europameisterschaften in München».

Ans Aufhören verschwendet Grit Breuer, die schon im Alter von 16 Jahren Bronze mit der 4x100-m-Staffel der DDR bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul gewonnen hat, überhaupt keinen Gedanken. «Ich bin fast das Urgestein auf den 400 Metern und habe alle überlebt», meinte die Norddeutsche, die zwischen 1992 und 1995 eine Zwangspause wegen Medikamentenmissbrauchs einlegen musste. Schließlich ist sie die einzige deutsche Athletin von Weltformat auf den Sprintstrecken und Dauergast in den Finals bei internationalen Titelkämpfen. «Ich glaube, dass ich dies auch in den nächsten Jahren erreichen kann», plant sie bis zu Olympia 2004 in Athen. Ein besonderes Kompliment erhielt sie aus Australien von Olympiasiegerin Cathy Freemann, die auf die WM verzichtet hat: «Ich bewundere ihren Mut und ihre Leistung - und dass sie dabei so locker bleibt.»

Die «Mutter Courage» der Stadionrunde will nach der verpassten Chance als Solistin nun mit der 4x400-m-Staffel zum WM-Abschluss zuschlagen. «Ich bin noch nie von einer WM ohne Medaille nach Hause gefahren und will das auch diesmal nicht», kündigte Grit Breuer, die 1997 in Athen im Quartett Gold geholt hatte. Mit Claudia Marx (Berlin) und Florence Ekpo-Umoh (Mainz), die beide das Halbfinale erreichten, hat sie zumindest zwei recht flotte Frauen an ihrer Seite. «Alle müssen über sich hinaus wachsen», meinte sie. Grit Breuer weiß aber auch, dass sie als Schlussläuferin der Schlüssel zum Staffel-Glück ist: «Ich gebe noch einmal alles. Doch es kommt auch darauf an, wann ich den Stab bekomme.»

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