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Ich, die Ich-AG

Nur wenige Hartz-Rezepte haben Erfolg - Die Ich-AG hilft bei der Befreiung aus der Arbeitslosigkeit

Ich bin wieder ich. Ich bin eine Ich-AG. Ich darf in den Urlaub fahren. Habe nicht mehr die Pflicht, täglich den Briefkasten zu leeren. Ich bin wieder ein selbstbestimmter Mensch. Ich bin nicht mehr arbeitslos.

Arbeitslos - dieses Schicksal teilte ich mit mehr als vier Millionen Menschen. Genau 43 Tage lang. Von Ende Mai bis Anfang Juli. 43 Tage, die ich als Makel in meiner Biografie empfand.

Vielleicht sollte ich diesen Makel romantisch verklären. Ich bin arbeitslos - der Liebe wegen. Meine sichere Stelle als Journalistin bei einer süddeutschen Regionalzeitung habe ich gekündigt, weil ich vor fünf Jahren hochschwanger meinem Mann nach Düsseldorf folgte. Knapp zwei Jahre später bekamen wir ein weiteres Kind. An eine Rückkehr nach dem Erziehungsurlaub war nicht mehr zu denken.

Es ist Ende Februar. Von dem drohenden Schicksal "arbeitslos" trennen mich gut zwei Monate, noch bin ich im Erziehungsurlaub. Mein Bauch grimmt, mein Kopf spannt, wenn ich daran denke. Ich denke pausenlos daran. Also überquere ich frühmorgens die Grafenberger Allee in Düsseldorfs Norden. Eine Straßenbahn spuckt Frauen und Männer aus, alle in Anzügen und Kostümen, alle auf dem Weg in die nahe gelegenen Büros. Ich lasse sie passieren, ich habe es nicht eilig.

Vor mir türmt sich das Arbeitsamt auf, aus Glas und Sandstein gefertigte Zweckmäßigkeit. Drinnen steige ich die Treppe hinauf, merke, wie ich schrumpfe. Gleich rechts liegt der Wartebereich 17. Jener Bereich, in dem die Akademiker zu sitzen kommen, wenn beruflich nichts mehr läuft. Ich ziehe eine Nummer, verschanze mich hinter bürokratischem Grüngewächs und schweige. Das tun hier alle. Manche füllen einen mehrseitigen Lebenslauf aus, andere blättern in ihren Akten. Bei meinem ersten Besuch lerne ich: Ein Arbeitsloser ist gut damit beschäftigt, dicke Leitzordner zu füllen.

"Wer ist der Nächste?": Die Arbeitsamt-Angestellten machen sich selbst auf den Weg zu ihren Besuchern. Die automatische Nummernanzeige ist defekt - und wird es bleiben. Endlich bin ich dran. Doch ich komme zu früh. Bin ja noch nicht arbeitslos. Immerhin tippt eine freundliche Blondine meine Daten in den Computer. Ich soll in zwei Wochen wieder kommen. Den Termin mit meiner persönlichen Beraterin habe ich auch in der Tasche.

Zu Hause liegt ein Brief im Kasten. Es handelt sich um eine Einladung zum Klassentreffen im September; zwanzig Jahre ist es her, dass wir in Süddeutschland gemeinsam Abitur gemacht haben, schon ein Grund zum Feiern. Ein Brief zur Unzeit. Vielleicht bin ich die Einzige, die ohne Arbeit dasteht? Beste Noten, aber leider nichts daraus gemacht. Hätten wir uns nicht schon im Mai treffen können? Unser Abiturzeugnis wurde schließlich auch im Frühling ausgestellt. "Ich bin im Erziehungsurlaub", hätte ich sagen können, das klänge nach Mutterglück. "Ich bin arbeitslos" nach Stimmungstöter.

Mitte März. Mein zweiter Anlauf beim Arbeitsamt. Um 9 Uhr habe ich meinen Termin mit Frau Müller*, dann werde ich zur offiziellen Nummer in der Arbeitsamtsstatistik. Doch die will mich nicht haben. Die Zeit verstreicht. Frau Müller ist nicht auffindbar, hat wohl den Termin verschwitzt. Eine Kollegin nimmt sich meiner an, nicht ohne mir zu verstehen zu geben, dass sie genug anderes zu tun hätte. Frau Ebert* sieht gehetzt aus.

Das graue Papier, das zwei Wochen zuvor von mir verlangte, meinen Lebenslauf minutiös zu notieren, ist verschwunden. Es wird sich zwei Stunden später hinter einem Schrank wiederfinden. Irgendwann dorthin gerutscht, weil es nicht in der Statistik landen wollte.

"Sie wollen Vollzeit arbeiten?" wundert sich mein Gegenüber, der Ton wird etwas barscher: "Sie sind Mutter zweier kleiner Kinder. Ich ändere das ab in Teilzeit", sagt sie und schnappt sich das Formular. Ich widerspreche. Ein Stellengesuch als Teilzeitjournalistin? Dann könnte ich mich auch gleich als Astronautin bewerben. "Hätten Sie meinen Mann auch auf Teilzeit gesetzt?" frage ich und handele mir den Rat ein, nicht so empfindlich zu sein.

Der Termin mit meiner persönlichen Beraterin ist wegen der zwischenzeitlich verschwundenen Unterlagen verstrichen - doch mit viel Glück gelingt es mir, dass sie mich in ihren "übervollen Terminkalender" quetscht. Vorher darf ich noch einmal Platz nehmen, diesmal im Wartebereich 16.

"Das ist ja ganz schlecht, dass Sie aus Süddeutschland weggezogen sind, wo Sie Ihre Kontakte hatten", wird Frau Schmitt* mich anderthalb Stunden später empfangen. Sie spricht schnell und viel, mit tiefer Stimme, schimpft über die Arbeitgeber, die blockieren, über die Politik, der nichts mehr einfällt. Dann bemerkt Sie mich. "In Ihrem Fall wäre es besser gewesen, Sie wären in Mannheim geblieben." Stimmt, dann säße ich nicht hier, sondern an meinem Arbeitsplatz. Doch dann würden unsere Kinder ihren Vater nur am Wochenende sehen.

"Eine Weiterbildung können Sie sich schon einmal abschminken", sagt sie, ehe ich danach frage. "Und Sie sind natürlich auch ein ganz schwieriger Fall." Mir wird mulmig. Wieso das denn? "Erstens haben Sie keine Berufserfahrung, dann haben Sie auch noch eine viel zu geringe Stundenzahl angegeben." Ich bin überrascht. Doch schnell klärt sich auf: Ein Jahr Volontariat und acht Jahre Redakteursposten sind im Arbeitsamtscomputer ganz fix zu einem neun Jahre währenden Volontariat zusammengeschrumpft. Und Frau Ebert hat mir offenbar doch nicht zugetraut, eine Vollzeitstelle zu schultern. Ist es Fürsorglichkeit, dass ich jetzt angeblich eine 15-Stunden-Stelle suche?

Irgendwelche Tipps? "Wie kann ich Ihnen Tipps geben? Ich betreue hier so viele Ihrer Kollegen, selbst ehemalige Chefredakteure finden ja derzeit keine Stelle." Doch ganz ohne Expertenrat will sie mich nicht ziehen lassen: "Vielleicht könnten Sie ja für die Vereine in Ihrem Umfeld die Öffentlichkeitsarbeit übernehmen." Gut, dass ich meinen Sohn und meine Tochter bereits zum Turnen geschickt habe.

Ende März: Das Arbeitsamt schickt mich zur obligatorischen Informationsveranstaltung einer Unternehmensberatung in der Innenstadt. Ich mutiere zur arbeitslosen Streberin. Sitze in der zweiten Reihe, die Stühle vor, neben und direkt hinter mir bleiben leer. Eine Viertelstunde später trudeln jene ein, die mir viel an Wissen voraushaben: Langzeitarbeitslose, die sich ganz hinten an die Wand drücken. "Musst dich nicht vordrängeln", tippt mir einer auf die Schultern, "die haben eh nichts zu verteilen."

Ich lerne: Ich muss jeden Tag meinen Briefkasten leeren, auch wenn ich vom Arbeitsamt nichts vorfinden werde. Ich darf drei Monate lang nicht in Urlaub fahren. Danach muss ich mir die Erlaubnis des Arbeitsamts holen. Und: Ich muss mich selbst um eine neue Stelle bemühen.

25. Mai: Meine Tochter feiert ihren dritten Geburtstag. Sie ist glücklich, ich bin arbeitslos. Bekomme Arbeitslosengeld - lese in Zeitungen, dass mein Schicksal ein ganz gewöhnliches ist. Meine Augen nehmen einen anderen Realitätsausschnitt wahr: Die sehen nur die, die jeden Morgen im Stechschritt zum Bus hasten, um nicht zu spät zur Arbeit zu kommen.

"Ich bin arbeitslos", dieser Satz geht mir nur über die Lippen, wenn ich gleich noch unter Zwang wie einen Wurmfortsatz anhänge: "weil ich meine Stelle leider kündigen musste, wegen der Kinder, wegen unseres neuen Wohnortes in Düsseldorf." So als gäbe es eine Kategorie der unschuldig in die Misere Getappten - als unterschiede ich mich von jenen, deren Stellen wegrationalisiert wurden. Ich beanspruche die Arbeitslosigkeit 1. Klasse. Ohnehin wechsele ich gerne schnell das Thema in diesen Tagen. Mein Selbstbewusstsein schrumpft.

Es ist Juni. Der Frühling wurde weggeschubst und hat der Hitze Platz gemacht. Doch bei mir keimt Hoffnung. Es tut sich was - natürlich ohne Zutun des Arbeitsamts. Ich mache gleich einen Termin mit meiner Beraterin Frau Schmitt aus. "Ich habe die Chance, für ein Redaktionsbüro zu arbeiten. Müsste dann Artikel für das Intranet einer großen Telekommunikationsfirma verfassen. Für Zeitschriften könnte ich auch schreiben", sprudelt es aus mir heraus. Ich bin mir sicher, dass mir Frau Schmitt gleich gratulieren wird. Für das Tempo, das ich vorgelegt habe.

>"Sie wollen eine Ich-AG gründen?" Ungewohnt langsam bahnen sich die Wörter ihren Weg. "Haben Sie das gut durchdacht? Das ist jetzt erst mal ein Rechenexempel." 228, 76 Euro wöchentlich waren mir als Arbeitslosengeld bewilligt worden - dem stehen monatlich 600 Euro Existenzgründungszuschuss gegenüber plus ein noch nicht abzusehendes monatliches Einkommen durch meine journalistische Tätigkeit minus 171,36 Euro Krankenkassenbeitrag, minus eines noch festzustellenden Betrags für die Rentenversicherung, minus Einkommensteuer. Mehr als 25 000 Euro darf ich jährlich nicht verdienen, sonst verliere ich den Status der Ich-AG.

Ich mache eine zweite Rechnung auf: Ich addiere: einen Einstieg in meinen früheren Job, mehr Selbstbewusstsein, mehr Freiheit. Doch ein dickes Plus. Selbst auf die Gefahr hin, dass das Arbeitslosengeld unterm Strich vielleicht höher ausfällt.

Seit dem 7. Juli bin ich eine Ich-AG. Ich bin wieder ich. Ich bin nicht mehr arbeitslos.

*Namen sind geändert

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