"Ich habe immer Angst zurückzufallen"
Die New Economy lebt

Tom Peters, der erste Berater in den USA, der als "Management-Guru" bezeichnet wurde, sagt voraus, dass in zehn Jahren 90 % der heutigen Bürojobs verschwunden sind. Das Gespräch führte Stuart Crainer.

HB DÜSSELDORF. Herr Peters, Ihr Bestseller "In Search of Excellence" feiert in diesem Jahr seinen zwanzigsten Geburtstag. Hält das Buch nach so vielen Jahren einer genauen Prüfung stand?

Mich interessiert es nicht besonders, ob es standhält. Ich denke nie darüber nach, ob "In Search of Excellence" überhaupt überzeugt. Es war zu seiner Zeit inspirierend und nützlich, und ich war begeistert, an dem Erfolg teilzuhaben. Es hat zum Jahr 1982 gepasst wie die Faust aufs Auge. Das Buch war ein Freibrief für mich. Es hat seinen Zweck erfüllt, und das ist das Beste, was man erhoffen kann. Es sind Löcher drin - vielleicht nicht ganz so groß wie schwarze Löcher, aber fast!

Haben Sie jemals ernsthaft daran gedacht, eine Fortsetzung zu schreiben?

Ich habe nie daran gedacht, weiter daran zu stricken, auch wenn man mich hundert Mal gebeten hat, es doch zu tun. Mich faszinieren Bücher über turbulente Zeiten und Persönlichkeiten, die mit der Doppeldeutigkeit umgehen müssen.

Es scheint, als hätten Sie sich vom klar umgrenzten Weltbild eines Ingenieurs zu einer Anschauung weiterbewegt, die die komplexen Vorgänge in der Welt akzeptiert und feiert. Trifft das in etwa zu?

Ich war bei "In Search of Excellence" mit seiner McKinsey-Logik überorganisiert. Jetzt sage ich: Hüten Sie sich vor den Meistern der Ordnung, den Leuten, die "Regeln" anbieten für ein geordnetes und rechtes Leben. So funktioniert das nicht. Komplexe Angelegenheiten schwarz und weiß zu sehen, ist töricht. Das Leben ist einziges Durcheinander.

Im richtigen Leben muss man seinen Spaß am Durcheinander finden. Das gilt besonders für die Zeiten des Abschwungs. Man muss den Fluss der Dinge als Chance begreifen, als eine Möglichkeit, kühne Initiativen, von denen man schon immer geträumt hat, ins Leben zu rufen.

Sie haben sich der neuen Technik mit mehr Enthusiasmus zugewandt als die meisten Ihrer Wettbewerber.

Ich habe immer Angst zurückzufallen. Dies ist das Zeitalter des permanenten Rummels, also muss man Wege finden, um das Feuer zu schüren. Ich kenne niemanden in meiner Branche, der im Internet wäre. Ich halte immer noch 80 bis 90 Reden pro Jahr und liebe es, dass ich meinen Zuhörern Power-Point-Präsentationen auf dem neuesten Stand vorlegen kann.

Ich bin entzückt, dass ich Leuten, die an meiner Arbeit interessiert sind, solch einen direkten und unmittelbaren Zugang gewähren kann. Ich will ja nur mit den Leuten reden. Und das ist der große Vorteil des Internet. Es verschafft Dir einen Zugang zum Publikum wie nie zuvor. Aber jetzt, da jeder im Web ist, muss man auf die Verpackung achten. Wir haben mit unserem Internet-Geschäft einen Fehler nach dem anderen gemacht. Die Web-Site vertraglich weiterzuvergeben, hat nicht funktioniert - ironischerweise, da ich doch ein Meister der Weitervergabe bin.

Unsere Pläne waren zu hochfliegend, zu schnell und sind dauernd auseinandergefallen. Ich habe gelernt, dass Web-Sites Lebewesen sind. Es ist ein spielerisches Medium: Wenn Du deine Meinung änderst, kannst Du sie einfach auslöschen.

Dann betrachten Sie den Abschwung der US-Wirtschaft nicht als das Ende der New Economy?

Alles ist anders, und doch ist alles gleich. Das Internet bleibt sicher bestehen, und der technische Wandel beschleunigt sich immer noch. Also gibt es mehr New Economy als je zuvor. Es ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, sich zu ducken und die Investitionen in neue Technik zu kürzen. Man sollte wie verrückt in das neue Zeug investieren.

Aber Sie sind immer noch der Meinung, dass die Technik uns vor noch mehr beunruhigende Herausforderungen stellen wird?

Ja, die Dinge verändern sich dank des Wettbewerbs, der Unternehmens-Software - die Werkzeuge, die jeden Aspekt des Innenlebens einer Firma aneinanderkoppeln, das Outsourcing, das Internet, das Geschäft zwischen den einzelnen Unternehmen und die Zeitverdichtung - das Tempo, mit dem neue Technik wie das Internet aufgenommen wird.

Erinnern Sie sich daran, was mit den Arbeitern passiert ist. Im Jahr 1970 brauchten 108 Männer etwa fünf Tage, um ein Schiff mit Holzbalken zu entladen. Dann kamen die Container. Dieselbe Arbeit wird heute von acht Leuten an nur einem Tag erledigt. Nun stellen Sie sich vor, eine vergleichbare Veränderung vollzieht sich bei den Angestellten. Und genau das geschieht zur Zeit: die Dekonstruktion der Büroarbeit. Ich gehe davon aus, dass in den kommenden zehn bis 15 Jahren 90 % der Bürojobs in den USA entweder verschwunden oder bis zur Unkenntlichkeit umgewandelt sein werden.

Da 90 Prozent von uns in irgendeiner Weise als Angestellte tätig sind, ist das eine ziemlich katastrophale Prognose.

Aber es ist etwas, über das wir alle nachdenken müssen. Eine häufige Kritik an Gurus ist, dass sie nichts taugen würden, wenn sie tatsächlich ein Unternehmen führen müssten.

Haben Sie sich jemals als für den Chefposten tauglich empfunden?

Ich habe es genossen, eine Militäreinheit mit 435 Personen zu führen, aber das, was ich jetzt tue, macht mir auch Spaß. Peter Drucker hat einmal gesagt, es würde ihn langweilen, ein Unternehmen zu leiten. Der Gedanke, der Boss von GE zu sein, gibt mir nichts. Das habe ich noch nie gewollt.

Mit den Bossen herumzuhängen, war nie mein Ding. Aber eine Neugründung zu leiten, ein Unternehmen auf einem ganz anderen Gebiet zu gründen, das ist ein Fest, ob es nun darum geht, Deinen eigenen Marketing-Ansatz zu erfinden oder was auch immer. Auch wenn das harte und psychologisch anspruchsvolle Arbeit ist.

Ich habe einmal daran gedacht, Dekan einer Universität zu werden. Aber da ist man nur damit beschäftigt, Geld zu beschaffen. Die eine Stelle, die ich gerne hätte, wäre Präsident der Stanford University zu sein, trotz der Mängel, die man mit den Universitäten verbindet. Ich habe einen enormen Respekt vor der Forschung.

Haben Sie je daran gedacht, bei ihren vielen Seminaren und Reisen kürzer zu treten?

Ich mache weiter, so lange ich daran Spaß habe. Und ich genieße es, vor dem Publikum zu stehen. Außerdem bin ich im tiefsten Inneren sehr wettbewerbsorientiert. In den Seminaren stehe ich mit mir selbst im Wettkampf.

Wenn ich sieben Stunden lang zu einigen hundert Leuten spreche, dann trägt mich das zu neuen Ufern. Ich bin kein Perfektionist, aber intellektuell sehr neugierig. Meine Mission ist es, mich zu amüsieren.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%