Ich heiße nun "Hao Ande"

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Ich heiße nun "Hao Ande"

Das wichtigtse für Neuankömmlinge in China ist, dass man ganz schnell einen chinesischen Namen bekommt.

Das wichtigtse für Neuankömmlinge in China ist, dass man ganz schnell einen chinesischen Namen bekommt. (Mal abgesehen von der Auffassung des hiesigen Finanzamtes, dass offensichtlich der Meinung ist, man solle am besten noch mit vollem Gepäck direkt vom Flughafen zur zuständigen Behörde hetzen, um sich umgehend steuerlich anzumelden.) Der chinesische Name soll natürlich Türen öffnen und helfen, Teil dieser alten Kultur zu werden. Er ist aber vor allem auch Nachweis der Existenz. Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.

Denn der chinesische Namen ist die Grundlage für die zweitwichtigste Sache in China – die Visitenkarte. Die heißt Ming pian und ohne die geht hier gar nichts. Man streut sie am besten wie ein Bauer im Märzen, also üppig und großflächig. Und sie wird übrigens auch in China höflich mit beiden Händen - und nur an den äußersten Ecken zwischen Daumen und Zeigefinger eingeklemmt - überreicht. Ungefähr so, als wenn man versucht, einen Geldschein in einen Parkautomaten zu fummeln.

Diese Verenkung wird auf Stehpartys mit einem Glas in der einen und den Häppchen in der anderen Hand zur interkulturellen Herausforderung. Doch das muss gelernt sein, denn merke: Der, die, das Ming pian wird sofort gezückt ! Nicht etwa, damit man den Namen des Gegenüber richtig aussprechen kann. Nein, man muss schließlich wissen, wen man als Gegenüber hat. In der konfuzianischen Gesellschaft gelten schließlich Hierarchien. Da macht der Titel die Musik.

Und ohne Titel ist eine Visitenkarte doch wie ein Salat ohne Dressing, oder? Auf jeden Fall in China. Und da gibt es schon dolle Sachen. Bis zu fünf Titeln kann man getrost auf die kleine Pappkarte quetschen - auch wenn dann kein Platz mehr für die Telefonnummer bleibt. Muss man halt woanders draufkritzeln, ging doch früher auch, oder? Und man bleibt geistig kreativ. Oder würden Sie als Berufsbezeichnung „Sohn des Botschafters“ auf Ihr Kärtchen drucken lassen? Gibt’s aber. In China.

Natürlich muss die chinesische Visitenkarte auf mindestens einer Seite in chinesischen Schriftzeichen verfasst sein. Und genau dafür braucht man nun einen chinesischen Namen. Um für ein „Bleichgesicht“ einen solchen zu finden, gibt es verschiedene Wege. Man kann, wenn möglich, seinen Namen einfach übersetzen. Heißt man Gärtner geht das vielleicht noch, schon bei Kirchner wird es im unchristlichen China schwierig. Zumindest ist mir nicht bekannt, dass einen „Glöckner von Peking“ gibt.

Bei Hoffbauer sieht es zunächst simpel aus, zumindest wenn man sich auf die Vereinfachung von Hof und Bauer einlässt. Meine Assistentin fand dies aber keine gute Idee, warum blieb mir weitgehend unklar. Aber auch das gehört zu den Spielregeln der chinesischen Namensfindung.

Ich glaube, der tonale Weg der Namensfindung erfreut sich größerer Beliebtheit, weil er einfach mehr Spaß bringt (hihihi). Es ist so eine Art Namens-Karaoke. Dabei versucht man einen Namen nach der Klangfarbe des Originalnamens zu finden, und dies gleichzeitig mit einer netten Bedeutung zu verbinden. McDonalds klingt dann auf chinesisch so wie Madonna, der Supermarkt Carrefour heißt Jia le Fu (sprich Djschalefu) - was schon ähnlich klingt (doch, doch) und ungefähr „Zu Hause Spaß haben und Glück“ bedeutet. Ikea heißt hier Yi Jia (sprich: I-jia) was als „passend geeignet für daheim“ übersetzt werden kann.

Und ich? Ich heiße in China nun Hao Ande. Hao ist ein Familienname und fängt ja immerhin auch mit „H“ an. Außerdem steht das "hao" auch für „gut, offen“. Die Silbe An bedeutet „Frieden“ oder „Ruhe“, und das De steht für „moralisch, hilfsbereit, tugendhaft“. Na, passt schon – oder? Ich habe dem Namen zumindest nicht widersprochen und fühle mich sehr geehrt, dass es für mich so schöne Schriftzeichen gibt. Und ehrlich - eine Visitenkarte sieht damit verdammt cool aus.

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