„Ich kann es ganz ruhig angehen lassen“
Ein großes Abwehrtalent

Per Mertesacker gehört nach gerade 20 Bundesligaspielen zum ersten Mal zum Kader der Nationalmannschaft. Für den 20-Jährigen war es deshalb schon aufregend genug, nach seiner Ankunft in München „am Flughafen abgeholt zu werden".

MÜNCHEN. Bevor die Zukunft richtig beginnt, ist Per Mertesacker am Dienstagmittag noch einmal von seiner vermeintlichen Vergangenheit eingeholt worden. Ein Reporter des DSF bat ihn, einen Trailer zum Länderspiel der deutschen U-21-Nationalmannschaft in die Kamera zu sprechen: "Wir sind die Zukunft. Deutschland gegen Polen. Live im DSF." Mertesacker zögerte, dann wandte er ein, dass der nächste Gegner der U 21 nicht Polen sei, sondern Aserbeidschan, "hundert Prozent". Mertesacker kennt sich da aus. Am Sonntag wird er selbst wieder zur U 21 reisen, um am Dienstag gegen Österreich in der EM-Qualifikation zu spielen. Aber vielleicht ist Per Mertesacker dann schon A-Nationalspieler.

In der vergangenen Woche hat Bundestrainer Jürgen Klinsmann den gerade 20 Jahre alten Verteidiger von Hannover 96 ins Aufgebot für das Länderspiel am Samstag (18 Uhr, live im ZDF) gegen Iran berufen. Neben Thomas Hitzlsperger vom englischen Premier-League-Klub Aston Villa ist er der zweite Neuling im Kader. Auf Torsten Frings muss der Bundestrainer hingegen verzichten. Der Münchner Mittelfeldspieler hat sich eine Kapsel- und Bänderverletzung zugezogen und bleibt in Deutschland.

Den Neuling Mertesacker hält Klinsmann für "ein großes Abwehrtalent". Er sei sehr kopfball- und zweikampfstark, "außerdem hat er für sein Alter eine enorme Ruhe und gute Übersicht". Enorme Ruhe? Gestern Mittag stand Mertesacker noch etwas verloren in der Lobby des Hotels der Nationalmannschaft in München. Er strich sich mit der Chipkarte seines Zimmers übers Kinn, klopfte mit den Fingern auf die Theke an der Rezeption, zupfte sich am Ohr, wippte vom linken auf den rechten Fuß, schließlich verschränkte er die Arme vor der Brust - die richtige Haltung schien er nicht zu finden. "Ich kenn diesen Auflauf noch nicht so", sagte er.

Als Mertesacker am vergangenen Mittwoch den Anruf eines unbekannten Teilnehmers auf seinem Handy entgegennahm, dachte er, es handle sich um einen weiteren Gratulanten zu seinem 20. Geburtstag. Doch dann meldete sich Jürgen Klinsmann. Von dem Geburtstag wusste Klinsmann nichts, "er hat es nicht erwähnt", sagt Mertesacker. Jedenfalls kann er sich nicht daran erinnern. Denn nachdem der Bundestrainer ihn über die Berufung unterrichtet hatte, "habe ich den Rest gar nicht mehr mitgekriegt".

Seine Aufregung ist schon deshalb verständlich, weil Mertesacker nicht unbedingt behutsam in die neue Rolle hineingewachsen ist. "Das ist ein Riesensprung", sagt er selbst. Erst 20-mal hat der Innenverteidiger in der Bundesliga gespielt. Das Spiel in Teheran wird für die Nationalelf kaum weniger aufregend sein als die Begegnung mit dem Weltmeister Brasilien vor vier Wochen in Berlin. 100 000 Zuschauer passen ins Azadi-Stadion in Teheran, wahrscheinlich werden sogar 120 000 Menschen zuschauen. "Das ist ein Erlebnis, das die Spieler nicht tagaus, tagein in ihren Klubs haben", sagt Klinsmann. Vor allem nicht die jungen Spieler wie Mertesacker.

Für den 20-Jährigen war es schon aufregend genug, nach seiner Ankunft in München "am Flughafen abgeholt zu werden". An die Annehmlichkeiten des süßen Nationalmannschaftslebens wird er sich schon noch gewöhnen. "Ich kann es ganz ruhig angehen lassen", sagt Mertesacker. "Ich habe noch ein bisschen Zeit." Selbst bei der Weltmeisterschaft 2014 könnte er noch für die Nationalmannschaft spielen. Dann ist Per Mertesacker 29.

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