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Archiv: „Ich muss auch mal dran riechen können...“

Freitag ist es soweit. Das neue "Mäuse"-Buch des Erfolgszeichners Uli Stein wird der Öffentlichkeit vorgestellt. Das besondere: Die Präsentation der neuen "Mäuse" wird erstmals live im Internet übertragen. Um einen kleinen Vorgeschmack auf die neuen Zeichnungen zu bekommen, stellt der Online-Buchhändler buch.de seit Beginn der Woche einige Cartoons des Zeichners ins Netz. Mit handelsblatt.com sprach der 54jährige, gebürtige Hannoveraner Autor über seine Beziehung zum Internet und über die Möglichkeit, Zeichnungen oder Texte im Netz zu verkaufen.

von JENS-CHRISTIAN KNETSCH
Uli Stein
Uli Stein

Nein, eine generelle Gefahr sehe der Zeichner, der gerade sein 28. Werk vollendet hat, durch das Internet nicht. Vielmehr sieht er das neue Medium als Arbeitserleichterung, besonders imponiert ihm die enorme Zeitersparnis. "Wenn ich früher eine Zeichnung angefertigt hatte", so Stein, "musste ich immer warten, bis jemand vorbei kam, um meine Zeichnungen zu betrachten. Heute verschicke ich Skizzen bereits per e-Mail. Das ist schön, spannend und in drei Minuten geschehen".

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Nichts geht über ein Buch



Dem Comic-Zeichner Stein, der seit Jahren seine Fans mit den von ihm geschaffenen Mäusen fasziniert, ist der Computer und die zur Verfügung stehende Technik kein Buch mit sieben Siegeln. Seit 1982 besitzt er einen PC und ist auch so mit der Netzwelt bestens vertraut. Dennoch kann er sich nicht vorstellen, dass dieses neue Medium das gute alte Buch ersetzen wird. Felsenfest ist er davon überzeugt, dass die Leser auch in den nächsten zehn Jahren noch gebundene Bücher in den Händen halten werden. Was reine Online-Publikationen betrifft, so ist Stein sehr skeptisch. "Ein Buch..." und dabei hebt sich seine Stimme, "das habe ich im Regal stehen, das muss ich anfassen und riechen können, den Stoff spüren... . Wenn man es zum ersten Mal aufschlägt, kleben noch die Seiten aneinander, so etwas kann mir ein e-book doch niemals geben", gibt der Cartoonist zu den neuen Entwicklungen zu bedenken.



"Jeder kann etwas anbieten"



Die Welt des Internets hat auch ihn gepackt. Für ihn liegt der große Reiz darin, im Internet zu surfen und etwas Neues zu entdecken. "Auch für Autoren und Zeichner ist das toll", so der Künstler. Auch er war der Versuchung schon einmal erlegen, etwas im Netz zu bestellen. Überraschender Weise gibt der Autor zu Protokoll, dass auch er bereits etwas bei Books on Demand im Internet geordert hat. Begeisterung hört sich jedoch anders an: "Überspitzt gesagt: Jede Hausfrau kann doch dort ein Buch übers Töpfern anbieten. Ich verliere als Kunde sehr schnell den Überblick, da ich nicht weiß, was ich kaufen soll." Trotzdem findet er das Angebot im Internet faszinierend, aus diesem Grund war der 54-jährige auch begeistert, als der Kontakt zum Online-Buchhändler buch.de zustande kam. Buch.de bietet am Freitag dem interessierten User an, die Vorstellung des neuen Buches live und exklusive via Webcam zu verfolgen. Seit Anfang der Woche werden auf den buch.de-Seiten zur Voreinstimmung bereits Mäuse-Cartoons gezeigt. "Das Angebot klang sehr gut", gibt Stein zu, "es ist doch nicht mehr als eine Marketingmaßnahme". "Natürlich ist es mein Ziel, noch mehr Bücher zu verkaufen", sagt Stein und lacht dabei. Nötig hat er es nach seinem 28. Werk und über 7 Millionen verkaufter Exemplare nun nicht. Sein Verlag, der Lappan-Verlag aus Oldenburg, unterstützt die Live-Präsentation durchweg. Stein macht auch keinen Hehl daraus, dass der Verlag ihm in solchen Dingen freie Hand lässt. Für einen Autor oder Zeichner geht es seiner Ansicht nach auch nicht anders.



"Meine Kinder gebe ich nicht her!"



Das Internet ist kein sicheres Medium. Auch Stein gibt sich sehr vorsichtig, sollte er einmal Cartoons über das Internet publizieren. "Über meine geistigen Kinder möchte ich solange wie möglich Kontrolle haben", gibt er unmissverständlich zu verstehen. "Ich möchte selber entscheiden, wo meine Zeichnungen veröffentlicht werden. Bisweilen lehne ich auch einen Abdruck in einer Zeitung ab. Aber im Internet kann ich dieses nicht mehr kontrollieren". Besonders schwierig ist es für den Autor nachzuvollziehen, was die User mit einem aus dem Internet gezogenem "Maus"-Cartoon anstellen.



"Rechtsfrage nicht eindeutig geklärt"



Die Frage nach den Rechten im Internet ist noch nicht eindeutig entschieden. "Wie kann man im Internet die Interessen und gleichzeitig die Rechte des Autoren wahren?", fragt sich auch Nicola Heinrichs vom Lappan-Verlag. "Zurzeit sind dem Missbrauch von Texten und Bildern zum Teil doch noch Tür und Tor geöffnet". Gegenüber handelsblatt.com sprach Frau Heinrichs von einer unbefriedigenden Rechtslage. Einig sind sich der Verlag und sein Autor allerdings darin, dass man sich zunehmend mit dem Thema Internet beschäftigen muss. Stein: "Für die Verlage eilt es. Bei King haben die Alarmglocken geschellt". Der amerikanische Gruselautor Stephen King sorgte bereits mit einem im Netz veröffentlichten Roman und einer Novelle für Aufsehen. Aus Sicht der Verlage ist es interessant, denn dieses Medium bietet ein großes Potential. Sollte sich eine Buchneuauflage einmal nicht mehr lohnen, weil keine große Nachfrage besteht, so kann der Verlag das Werk zum Download ins Netz stellen und davon noch profitieren." Dem stimmt auch Nicola Heinrichs zu, allerdings gibt sie zu verstehen, dass der Lappan Verlag nichts überstürzen wird. Im Einzelfall ist genauestens zu prüfen, wo und wie die Möglichkeiten des Internets für Verlag und Autoren positiv zu nutzen sind.



Jeder muss im Netz sein!



Stein lässt Ausreden nicht gelten. Über seine Kollegen, die noch nicht einmal wissen, wie eine PC ausschaut, oder wie man eine e-Mail verschickt, kann er nur lachen. "Das Internet ist für jeden Autor und Zeichner spannend und eine Chance für alle mal über den normalen Rahmen hinaus zu schauen". Stein versteht das Netz als eine Art Präsenzpflicht. "Jeder, der nicht im Internet vertreten ist, macht meines Erachtens einen großen Fehler. An einer Visitenkarte im Internet geht heute nichts mehr vorbei." Seine Homepage will er als Kommunikationsebene zu den Fans verstanden wissen. Betreuung sowie Kontakt zu Leuten sind ihm wichtig, und dies wird durch das Medium Internet möglich.



"Ich werde es im Auge behalten"



"In 4- 5 Jahren werden sich Literaturagenturen bilden, davon bin ich fest überzeugt. Diese suchen für den Kunden aus 2 Millionen Exemplaren die gewünschten Werke aus dem Netz," so Uli Stein. "Die Zukunft lässt sich kaum oder nur schwer beschreiben. Vielleicht ist es in einigen Monaten möglich, sich einen Cartoon-Jahreskalender aus dem Netz zu ziehen. Jeder User erhält dann seine eigene individuelle Ausgabe. Technisch wird das kein Problem sein. In spätestens zwei Jahren ist es soweit". "Wohin aber der genaue Weg gehen wird, kann ich nicht sagen. Fest steht aber, ich werde es im Auge behalten".

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