"Ich stehe zu meiner Geschichte"
Porträt: Joschka Fischer

Das Ermittlungsverfahren gegen Außenminister Joschka Fischer, das widersprüchliche Aussagen um ein angebliches Zusammenwohnen mit der Ex-Terroristin Margrit Schiller klären soll, rückt die Vergangenheit des Grünen-Politikers erneut ins öffentliche Blickfeld. Der Minister hatte nie einen Hehl aus seinen Aktionen als militanter Straßenkämpfer im Frankfurt der frühen 70er Jahre gemacht.

afp BERLIN. Wie viele Grünen-Aktivisten kam Fischer über die 68er-Studentenbewegung in die Politik, und für diese waren radikale und militante Aktionen keineswegs tabu. Indes sagte sich Fischer schon vor langem los von seinem einstigen Radikalismus. Schließlich gilt der eloquente Vollblut-Politiker als "Realo" der ersten Stunde bei den Grünen. Auch Schiller hob in ihrer Biografie hervor, dass der heute 52-Jährige absolut gegen den bewaffneten Kampf gewesen sei.

Der am 12. April 1948 geborene Sohn eines Metzgers, dessen Eltern als Ungarn-Deutsche von Budapest nach Westdeutschland gekommen waren, besuchte er ein Stuttgarter Gymnasium bis zur zehnten Klasse, bevor er eine Fotografenlehre begann. Ende der sechziger Jahre ging er nach Frankfurt, wo er sich zwischen 1968 und 1975 als Mitglied der Gruppe "Revolutionärer Kampf" so manche Straßenschlacht mit der Polizei lieferte. "Wir wurden verdroschen, aber wir haben auch kräftig hingelangt", räumte Fischer Anfang des Jahres ein, nachdem ein Foto veröffentlicht worden war, das ihn bei der Prügelei mit einem Polizisten zeigt.

Während seiner Frankfurter Straßenkämpfer-Zeit nahm Fischer auch an jener PLO-Konferenz teil, die ihn jetzt ebenfalls in die Schlagzeilen gebracht hat. Bei dem internationalen Treffen in Algier stand die Solidarität mit dem palästinensischen Volk auf der Tagesordnung - das war seinerzeit eines der großen Themen der linken Szene in der Bundesrepublik. Seine Teilnehme an dem Treffen hat ihm jetzt den Vorwurf eingebracht, er habe damals das Existenzrecht des Staates Israel in Frage gestellt.

Zwar bewegte sich Fischer in ähnlichen Kreisen wie jene Weggefährten, die sich später in der Rote Armee Fraktion sammelten. Doch deren Terror hat er immer abgelehnt. Da habe er von Anfang an eine "klare Position" gehabt, betonte Fischer bei seiner Zeugenausage im Frankfurter Prozess gegen den Ex-Terroristen Hans-Joachim Klein. Die Ereignisse um die Ermordung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns-Martin Schleyer leiteten dann einen Erkenntnisprozess ein, den er selbst einmal als "Illusionsverlust" und "Illussionsabschleif" gekennzeichnet hat.

Seit 1982 bei den Grünen

So führte ihn sein weiterer Weg zu den Grünen, denen er 1982 beitrat. Er wurde bereits ein Jahr später in den Bundestag gewählt, musste sein Mandat aber bereits 1985 wegen des damaligen Rotationsprinzip bei den Grünen wieder abgeben. Er ging nach Hessen und brachte dort 1985 die erste rot-grüne Landesregierung auf den Weg. Er übernahm in Wiesbaden das Umweltressort, das er zunächst bis 1987 und dann erneut von 1991 bis 1994 leitete. Im selben Jahr gelang ihm die Rückkehr in den Bundestag, wo er Fraktionschef wurde und wegen seines Redner-Talents zeitweilig als "heimlicher Oppositionsführer" galt.

Mit seiner Autorität schwor Fischer die Grünen auf seinen realpolitischen Kurs ein, womit er wiederum den Grundstein legte für die Bildung der rot-grünen Koalition 1998. Als Außenminister nimmt er heute trotz der Vergangenheits-Debatte in der Rangliste der beliebtesten Politiker einen der ersten Plätze ein.

Der 52-Jährige, der etwa seine Prügeleien mit Polizisten heute selbst als "Unrecht" brandmarkt, scheint ungeachtet aller Vorwürfe mit sich im Reinen zu sein. Kürzlich meinte er selbstbewusst: "Ich stehe zu meiner Geschichte, gerade auch ihrer Brüche wegen."

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