Ifo-Chef Sinn über die Folgen des Outsourcing
"Wie auf einem Basar"

"Deutschland entwickelt sich zur Basar-Ökonomie", meint Hans-Werner Sinn,Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München: Unternehmen retten sich durch Outsourcing, aber das Wachstum wurde in Niedriglohnländer verlagert. Sinn mahnt als Konsequenz einen "Umbau des überregulierten Arbeitsmarktes" an.

Herr Sinn, was bringt Outsourcing?

Die Verlagerung arbeitsintensiver Teile der Vorproduktkette in Niedriglohnländer ist für deutsche Firmen der Weg, dem Wettbewerb auf den Weltmärkten die Stirn zu bieten. Weil die deutsche Industrie solche Vorteile nutzt, bleibt sie wettbewerbsfähig.

Das heißt, ohne Verlagerung von deutschen Arbeitsplätzen ins Ausland kein Wirtschaftswachstum im Inland?

Nein, so ist es leider nicht. Es gibt ein Dilemma: Ohne Verlagerung gehen viele Unternehmen unter, mit Verlagerung überleben sie, aber das Wachstum der Wertschöpfung findet nicht hier statt. Zwei Drittel des Zuwachses der deutschen Industrieproduktion seit 1995 sind auf eine Verlagerung der Wertschöpfung ins Ausland zurückzuführen. Dass die deutschen Firmen überleben, ja bisweilen sogar prosperieren, heißt leider nicht, dass die deutschen Arbeiter wettbewerbsfähig bleiben.

Die Wirtschaft wächst, und trotzdem gibt es immer weniger Arbeitsplätze?

In der Industrie wächst die Produktion leidlich, die Wertschöpfung wächst dort kaum noch, und die Zahl der Industriearbeitsplätze schrumpft. Produktion, Wertschöpfung und Beschäftigung fallen mehr und mehr auseinander. Deutschland entwickelt sich zur Basar-Ökonomie. Wir verkaufen überall in der Welt unsere preisgünstigen und hochwertigen Waren. Die Exporte florieren. Doch leider produzieren wir einen immer kleineren Wertanteil dieser Waren in Deutschland. Das ist die bittere Realität.

Was muss sich ändern?

Wir müssen besser und vor allem billiger werden. Das Besserwerden ist zum einen die Aufgabe jedes Einzelnen, der in seine Ausbildung investieren muss, und zum anderen die Aufgabe des Staates, der die Schulen und Universitäten reformieren muss. Doch was auch immer passiert, es wird sehr lange dauern, bis sich solche Maßnahmen auf dem Arbeitsmarkt niederschlagen. Auf absehbare Zeit können wir nur wettbewerbsfähig bleiben, indem wir billiger werden. Wichtig ist vor allem der Umbau des überregulierten Arbeitsmarktes. Einfache Arbeit ist in Deutschland viel zu teuer.

Der Wettbewerb findet aber nicht nur bei den gering Qualifizierten statt. Inder entwickeln inzwischen Software für deutsche Firmen.

Das stimmt. Es gibt viele Bereiche, wo wir nicht mehr mithalten können. Aber es gibt immer auch Bereiche, bei denen wir auf absehbare Zeit im Vorteil sind, und andere, wo die Arbeitsplätze in Deutschland auf der Kippe stehen. Was von der Kippe abrutscht, hängt maßgeblich von der Lohnhöhe ab.

Hans-Werner Sinn ist Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München. Die Fragen stellte Dieter Fockenbrock.

Quelle: Der Tagesspiegel Nr. 18369 vom 25.01.2004

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