Ifo-Geschäftsklima auf schlechtestem Stand 1996
Eine konjunkturelle Wende ist nicht in Sicht

Die Stimmung in der deutschen Industrie ist so gedrückt wie lange nicht mehr. Sollte sich das Geschäftsklima noch weiter eintrüben, schließt das Ifo-Institut eine neuerliche Korrektur der Wachstumsprognosen nicht aus.

wmu/HB DÜSSELDORF. Das Ifo-Geschäftsklima hat im Juni seinen schlechtesten Stand seit August 1996 erreicht. Der Klimaindex für die westdeutsche gewerbliche Wirtschaft sank von revidiert 90,8 auf 89,5 Punkte, der Klimasaldo aus positiven und negativen Meldungen von - 13,5 auf-16,3 Punkte. Damit war der Rückgang stärker als von Bankvolkswirten erwartet.

Der Index liegt nunmehr unter seinem langjährigen Durchschnitt, zudem ist der Tiefstpunkt von 90,0 Punkten unterschritten, den der Index in der vergangenen Konjunkturdelle Anfang 1999 erreicht hatte. Auch in der ostdeutschen Industrie, wo sich das Klima im Vormonat noch stabilisiert hatte, ging der Index wieder auf Talfahrt.

Beobachtern macht vor allem Sorge, dass die befragten Unternehmen nicht nur ihre allgemeine Geschäftslage schlechter einschätzten - der entsprechende Saldo ging von-12,0 auf-15,0 Punkte zurück -, sondern auch ihre Erwartungen an das Geschäft in den kommenden sechs Monaten nochmals deutlich zurückschraubten. Dieser Saldo sank von-15,0 auf-17,7 Punkte.

So lange der Trend bei den Erwartungen nach unten gerichtet ist, ist nach Ansicht von Analysten auch mit einer weiteren Talfahrt des Gesamt-Index zu rechnen. Erfahrungsgemäß verbessern sich die Konjunkturaussichten erst bei wieder aufwärts gerichteten Geschäftserwartungen. Die DGZ-Deka-Bank macht darauf aufmerksam, dass das Geschäftsklima in der letzten Konjunkturdelle erst dann seinen Tiefpunkt erreicht habe, nachdem sich vier Monate davor die Salden der Lagebeurteilung und der Geschäftserwartungen entsprochen hatten.

Vor diesem Hintergrund wird zunehmend unsicher, ob sich das Wachstum wie von den meisten Konjunkturforschern erwartet im zweiten Halbjahr 2001 wirklich spürbar beleben wird. Die DGZ-Deka-Bank urteilt vorsichtig, nun sei mit einem schwachen zweiten Vierteljahr und "keiner überschäumenden Dynamik im dritten Quartal" zu rechnen. Deutsche Bank Research erwartet für das zweite Quartal eine Stagnation.

Willi Leibfritz, Abteilungsleiter Konjunktur des Ifo-Instituts, schließt nicht aus, dass die Institute ihre Wachstumsprognosen noch einmal nach unten revidieren müssen: "Sollte sich das Geschäftsklima in nächster Zukunft so entwickeln wie in den vergangenen Monaten, wäre die nächste Revisionsrunde programmiert", sagte er dem Handelsblatt. Die Konjunkturforschungsinstitute hatten in den vergangenen Wochen ihre Prognosen für das laufende Jahr deutlich nach unten korrigiert. Waren sie in ihrem gemeinsamen Frühjahrsgutachten noch von 2,1 % Wachstum ausgegangen, so liegen sie nun deutlich darunter, so etwa das Ifo-Institut bei 1,2 %. Ob Ifo seine Prognose angesichts der neuen Zahlen aufrecht erhält, wollte Leibfritz mit Verweis auf eine Pressekonferenz des Instituts am Donnerstag nicht sagen.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Klaus F. Zimmermann, forderte die Bundesregierung auf, wegen der schwachen Konjunktur von ihrer Konsolidierungspolitik vorübergehend abzurücken. "Ich halte es für einen Fehler, in den Abschwung hineinzusparen", sagte Zimmermann der Nachrichtenagentur Reuters. Es sei "hinnehmbar", den von Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) vorgegebenen Sparkurs für zwei bis drei Jahre zu verlassen. Der DIW - Präsident sprach sich auch dafür aus, die nächste Stufe der Steuerreform früher in Kraft treten zu lassen, sollte die Konjunkturentwicklung weiter unter Druck geraten. "Ein Vorziehen der Steuerreform ist ein sinnvolles Instrument dann, wenn wir tatsächlich eine Fortsetzung der Krise erleben, die wir im Augenblick beobachten", sagte Zimmermann. Er nannte als Grenzmarke ein Abrutschen des Wirtschaftswachstums unter ein Prozent.

CSU-Chef Edmund Stoiber forderte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) auf, der Konjunkturschwäche in Deutschland nicht länger tatenlos zuzusehen. Mit der vom Bundeskanzler propagierten "Politik der ruhigen Hand" seien die hausgemachten Versäumnisse in der Wirtschaftspolitik nicht zu beheben. Der größte Fehler der Bundesregierung sei es, die Steuerreform nicht vorzuziehen.

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