Ifo-Geschäftsklima fällt zum zweiten Mal in Folge
Die Zweifel am Aufschwung wachsen

Der wichtigste Konjunktur-Indikator in der Euro-Zone hat die Experten im Juli erneut enttäuscht: Das Ifo-Geschäfsklima fiel deutlich schlechter aus als erwartet. Ob die deutsche Konjunktur wie erhofft im zweiten Halbjahr an Fahrt gewinnt, wird damit fraglich. Die ersten Banken überprüfen ihre Wachstumsprognosen.

ost/pbs DÜSSELDORF. Über der deutschen Konjunktur ziehen sich dunkle Wolken zusammen: Der Ifo-Geschäftsklima-Index ist im Juli zum zweiten Mal in Folge gesunken. Der wichtigste Frühindikator der Euro-Zone fiel auf 89,9 Punkte - den niedrigsten Wert seit Februar. Im Juni notierte der Index des Münchener Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo) noch bei 91,3 Punkten.

Der Rückgang fiel deutlich größer aus als von Volkswirte erwartet. Sie hatten im Schnitt nur mit einem leichten Abbröckeln auf 91,0 Punkte gerechnet. "Das Klima hat einen Schlag bekommen", kommentiert Elga Bartsch von Morgan Stanley. Jetzt wachsen die Zweifel, ob die deutsche Wirtschaft wie erhofft im zweiten Halbjahr deutlich an Fahrt gewinnt. Allein Bundesfinanzminister Hans Eichel bleibt hartnäckig optimistisch: Er rechne weiter mit einer deutlichen Beschleunigung des Wachstums im zweiten Halbjahr, betonte er gestern in Berlin.

Bankenvolkswirte sind skeptischer: "Den Aufschwung kann man allmählich vergessen", sagt Bernd Weidensteiner von der DZ Bank mit Blick auf das laufende Jahr. Frühestens ab dem Winterquartal sei mit einer Belebung der Konjunktur zu rechnen. Ähnlich sieht es Holger Fahrinkrug von UBS Warburg: "Die Erholung im zweiten Halbjahr und auch im kommenden Jahr ist gefährdet." Dies gelte für die gesamte Euro-Zone.

Bankenvolkswirte erklären den Fall des Indexes vor allem mit den Turbulenzen an den Finanzmärkten und der Aufwertung des Euros. Die anhaltende Börsenkrise sowie die nicht abreißenden schlechten Nachrichten von Unternehmen hätten ihre Spuren hinterlassen, meint Weidensteiner.

Gernot Nerb, Konjunktur-Experte des Ifo-Instituts, sieht das anders: "Aus den Daten kann man das nicht herauslesen. Die Exporterwartungen der Unternehmen blieben mehr oder weniger unverändert." Vor allem das nach wie vor schwache Inlandsgeschäft sei daher für das Minus verantwortlich: "Es kommt noch nicht so stark in Schwung, wie ursprünglich erwartet worden war." Viele heimische Unternehmen zögerten ihre Investitionen heraus. Zwar habe sich in den Firmen einiger Investitionsbedarf aufgestaut. "Aber die Unternehmen warten noch ab - weil sich die Sicherheit, dass der Aufschwung durchstartet, noch nicht in den Köpfen verankert hat."

Einzel- und Großhandel leicht besser

Vor allem im verarbeitenden Gewerbe hat sich das Klima zum ersten Mal seit Oktober 2001 wieder verschlechtert - im Einzel- und Großhandel hat sich die Stimmung dagegen leicht verbessert. Anders als im Juni beurteilen die Firmen nun auch ihre aktuelle Geschäftslage etwas verhaltener: Die Zahl der Pessimisten stieg um 2,6 % (siehe Grafik). Noch stärker trübten sich allerdings die Erwartungen für die kommenden sechs Monate ein: Zum ersten Mal seit Februar sind wieder die Pessimisten leicht in der Überzahl. Überdurchschnittlich stark verdüsterten sich die Erwartungen bei den Herstellern von Vorprodukten, zum Beispiel in der Chemie- und Grundstoffindustrie - ein Zeichen dafür, dass Firmen ihre Läger inzwischen wieder gefüllt hätten, meint Ifo-Konjunktur-Experte Nerb.

Das Münchener Institut versuchte, die enttäuschenden Ifo-Zahlen zu relativieren: "Sicherlich ist das Ergebnis etwas schlechter als erwartet, aber man sollte es nicht überbewerten," sagte Nerb. Dass die deutsche Wirtschaft in eine zweite Rezession schlittert, zeichne sich nicht ab. Bislang deute der Index nur auf eine "kleine Unterbrechung des Aufschwungs" hin. Erst, wenn das Barometer drei Mal in Folge gestiegen oder gesunken ist, geht das Ifo-Institut von einer nachhaltigen Trendwende aus. "Solange sich die Unterbrechung des Anstieges auf ein oder zwei Monate beschränkt, hat das keine Auswirkungen auf das Wachstum", betonte Nerb. Sollte der Index aber im August erneut fallen, sei dies ein Signal für eine längere Pause der Erholung. Nerb: "Vielleicht schaffen wir dann den Aufschwung erst im zweiten Anlauf."

Noch halten die Bankenvolkswirte an ihren Wachstumserwartungen für 2002 fest. Allerdings kündigte die Commerzbank gestern an, ihre Prognose von 1 % Wachstum für das laufende Jahr zu überprüfen. Sollte der Index weiter fallen, würden die Banken auch ihre Schätzungen für 2003 korrigieren, meint Fahrinkrug von UBS Warburg. Aus Sicht von Deka-Volkswirt Andreas Scheuerle ist dann sogar "mit einem Abbruch des Aufschwungs zu rechnen".

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