IG Metall erwägt Streik für einen Tarifvertrag
Metallindustrie droht Konflikt um Weiterbildung

In der Metallindustrie bahnt sich ein Konflikt um die betriebliche Weiterbildung an. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall lehnt den von der IG Metall geforderten Tarifvertrag über einen Rechtsanspruch der Beschäftigten auf Qualifizierung ab. "Ich bezweifle, dass eine tarifvertragliche Regelung sinnvoll ist", sagte Gesamtmetallpräsident Martin Kannegiesser im Gespräch mit dem Handelsblatt.

huh BERLIN. In der Metallindustrie bahnt sich ein Konflikt um die betriebliche Weiterbildung an. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall lehnt den von der IG Metall geforderten Tarifvertrag über einen Rechtsanspruch der Beschäftigten auf Qualifizierung ab. "Ich bezweifle, dass eine tarifvertragliche Regelung sinnvoll ist", sagte Gesamtmetallpräsident Martin Kannegiesser im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Für IG Metall-Chef Klaus Zwickel ist ein verbindlicher Weiterbildungsanspruch zentrales Thema in diesem Jahr. Über einen Tarifvertrag will die Gewerkschaft erreichen, dass die Unternehmen die Kosten übernehmen und ihre Mitarbeiter freistellen. Sollten sich die Arbeitgeber querstellen, droht die IG Metall mit der Mobilisierung ihrer Mitglieder bis hin zum Streik.

Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) will sich der Weiterbildung annehmen. Beim nächsten Treffen des Bündnisses für Arbeit voraussichtlich Anfang März steht eine "Qualifizierungsoffensive" auf der Tagesordnung.

Gesamtmetallpräsident lehnt Anspruch auf betriebliche Qualifizierung ab

Kannegiesser betonte die Bedeutung, welche die Weiterbildung der Beschäftigten auch für die Metall- und Elektroindustrie habe. Die Unternehmen würden dafür jedes Jahr über 7 Mrd. DM ausgeben. Ein allgemeiner Rechtsanspruch sei jedoch wegen der unterschiedlichen Bedürfnisse der Beschäftigten und der Vielfalt der Unternehmen der falsche Weg. Qualifizierung sei eindeutig ein betriebliches Thema und könne deshalb nicht durch Flächentarifvertrag geregelt werden. "Sollte die IG Metall hier Unruhe in die Betriebe tragen, zwingt sie nur weitere Unternehmen zum Austritt aus dem Tarifsystem", warnte er mit Blick auf die Streikdrohung.

Der Gesamtmetallchef gestand ein, dass besonders in kleinen und mittleren Unternehmen Weiterbildung systematischer betrieben werden müsse. Er will deshalb erreichen, dass sie für alle Betriebe zu einem Standard vom Rang der Lehrlingsausbildung wird. "Es ist eine der wichtigsten Aufgabe der Verbände in den nächsten Jahren, hier die Unternehmen zu unterstützen", sagte Kannegiesser.

Bei der betrieblichen Altersversorgung ist der Verbandschef dagegen zuversichtlich, dass dieses Jahr ein Tarifabschluss gelingt. "Das Thema ist für unsere Mitarbeiter ganz wichtig", sagte er. Zuerst aber müsse die Rentenreform unter Dach und Fach sein. Kannegiesser kritisierte: "Bei den Details der zusätzlichen Altersvorsorge ist noch immer vieles unklar." Im Dezember hatte der Vorstand der IG Metall die Umwandlung von Teilen des Gehalts in eine kapitalgedeckte Altersvorsorge zur Tarifforderung gemacht. Die Arbeitgeber sollen sich finanziell beteiligen.

Fortschritte erwartet Gesamtmetall auch bei dem seit mehreren Jahren mit der IG Metall verhandelten einheitlichen Entgeltsystem für Arbeiter und Angestellte. "Ich halte ein Ergebnis innerhalb der nächsten zwölf Monate für erreichbar", sagte Kannegiesser. Das "sehr vernünftige" Projekt könne nur noch scheitern, weil der wichtigste Knoten nicht durchschlagen werde: "Der Umstieg vom einen auf das andere Entgeltsystem darf für den einzelnen Betrieb nicht zu einem zusätzlichen Kostenschub führen".

Nächste Lohngruppe besorgniserregend

Sorgen bereitet Kannegiesser die nächste Lohnrunde 2002. DGB-Chef Dieter Schulte hatte mit hohen Lohnforderungen gedroht, sollten die Unternehmen nicht endlich den Berg von fast zwei Mrd. Überstunden abbauen und neue Stellen schaffen. "Diese Gebetsmühle ist so alt, dass sie quietscht", sagte Kannegiesser. Er hielt dem DGB-Chef vor, mit seinen Parolen den Beschäftigungsaufbau kaputt zu reden.

Für das Einstellungsverhalten der Betriebe seien die konjunkturelle Entwicklung und ein verlässlicher tarifpolitischer Rahmen entscheidend. Bei der Konjunktur sei wegen der Unsicherheit über eine harte Landung in den USA und die weitere Entwicklung der Aktienmärkte erste Skepsis angesagt. "Wenn die Unternehmen jetzt auch noch von der Tarifpolitik verunsichert werden, dann tritt jeder auf die Bremse", warnte er.

Derzeit sei die Metall- und Elektroindustrie eine Beschäftigungslokomotive. Von November 1999 bis November 2000 seien 65 000 neue Arbeitsplätze geschaffen worden, obwohl alle Forschungsinstitute wegen des Produktivitätsfortschritts und des Strukturwandels einen Abbau um 40 000 Stellen vorhergesagt hätten. Der tatsächliche Zuwachs dürfte sogar bei 80 000 bis 90 000 Arbeitsplätzen liegen, da viele der neuen Jobs als Dienstleistungen ausgewiesen würden. Zugleich lägen die Überstunden kaum über dem historischen Tiefstand von 1993.

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