IG Metall im Streik
Kommentar: Stoibers Helfer

Nun also ist die Tarifrunde 2002 dort angelangt, wo Gerhard Schröder sie nicht haben wollte: beim Streik. Damit ist die Hass-Liebe zwischen der Schröder-SPD und der IG Metall um eine Facette reicher. Die Frage nämlich, ob ein Arbeitskampf die SPD den Wahlsieg kostet. Schröder und seine Genossen befürchten das. Die Bilder protestierender Metaller, die jetzt allabendlich in die Wohnzimmer flimmern, sind schließlich keine Wahlwerbung für eine Arbeitnehmerpartei. Und die Unternehmen bremst der Streik bei ihren Investitionen. Das ist schlecht für einen Aufschwung, über den zwar viel geredet wird, den es bisher aber nicht gibt.

Die IG Metall dagegen wird nicht müde, die Sorgen Schröders zum Phantomschmerz zu erklären. Ein Streik sei kein nationales Unglück, ein hoher Tarifabschluss gut für die Konjunktur. Bangt der Kanzler zu Unrecht? Die Antwort hat zwei Teile. Da sind zunächst die wirtschaftlichen Folgen des Arbeitskampfs. Die Schäden durch die Streiks als solche, da hat die IG Metall Recht, dürften sich in Grenzen halten, solange der Konflikt nicht eskaliert. Denn die neue Flexi-Taktik der Gewerkschaft lässt den Unternehmen Raum für Ausweichreaktionen. Mal hier ein Tag Streik, mal dort, das bekommt man mit moderner Produktionsplanung einigermaßen in Griff.

Viel gefährlicher für die Konjunktur ist der Tarifabschluss, der am Ende des Arbeitskampfes droht. Eine überhöhte Lohnzahl hält die Unternehmen von Investitionen ab, daran ändert auch die krude Nachfragetheorie der Gewerkschaften nichts. Die Vier vor dem Komma, die jetzt in der Metallindustrie droht, wäre ein deutlich negatives Signal. Zumal die Gewerkschaften den Metallabschluss als Messlatte für alle anderen Wirtschaftszweige ansehen werden - für den krisengeschüttelten Bau, die rationalisierenden Banken, den darbenden Einzelhandel. Dort ist der Lohnkostenanteil aber noch wesentlich höher als bei Metall. Fazit: Mit solchen Tarifabschlüssen bleibt Schröder auf seinem größten Problem, der hohen Arbeitslosigkeit, sitzen.

Bleibt die Psychologie als Wahlhelfer für die Genossen. Die IG Metall hat die Hohe-Löhne-helfen-Schröder-Theorie aufgestellt. Sie besagt, dass ein saftiger Tarifabschluss die unzufriedenen SPD-Stammwähler besänftigen und statt der befürchteten Wahlenthaltung viele Kreuzchen bringen wird. Leider glaubt die IG Metall auch an diese absurde Theorie. Absurd deshalb, weil der Tarifabschluss gar nicht hoch genug sein kann, um aus den vermeintlichen Opfern eines von den Gewerkschaften herbeigeredeten Sozialabbaus plötzlich zufriedene SPD-Anhänger zu machen. Denn ein Tarifabschluss ist immer ein Kompromiss, daran ändert auch ein Streik nichts. Und Kompromisse tun nun mal weh. Umso mehr, je höher man die Erwartungen schraubt.

Die IG Metall begeht mal wieder genau diesen Kardinalfehler. Indem sie die Ausgangsforderung von 6,5 Prozent statt der zuletzt diskutierten vier Prozent zum Ziel des Streiks erhebt, schürt sie jene Unzufriedenheit bei den Arbeitnehmern, die sie hinterher lautstark beklagen wird. Diese Hypothek wird Schröder bis September nicht mehr los, da mag sogar der Aufschwung kommen. Die IG Metall freilich sollte eines bedenken: Edmund Stoiber wird sich für ihre Wahlhilfe nicht erkenntlich zeigen.

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