IG Metall lässt wieder mit sich reden
Abschied von der Kampfrhetorik

Irgendwann dieser Tage muss auch den obersten IG- Metall-Funktionären klar geworden sein, dass der Arbeitskampf um die 35-Stunden-Woche im Osten nur noch schwer zu gewinnen sein wird.

HB/dpa BERLIN. Vielleicht bei einer der Umfragen bei BMW in Bayern, wo die Leute wegen der Fernwirkungen des Ost-Streiks nach Hause geschickt wurden. Eigentlich haben sie dort viel Verständnis für den Wunsch der Ost- Metaller, für das nahezu gleiche Gehalt auch genau so lange arbeiten zu wollen. Aber in nahezu allen Umfragen vor den Werkstoren lautet einhellig der Kommentar: "Im Prinzip ja - aber nicht jetzt."

Den Gewerkschaftern dämmert langsam, dass der Zeitpunkt für den Streik der falsche gewesen sein könnte und sie nach einem Ausweg suchen müssen. Also lassen sie jetzt wieder mit sich reden. Am Donnerstag wird es nun Sondierungsgespräche geben. Die eigentlichen Verhandlungen werden dann nach sechs Wochen Pause am Freitag in Berlin wieder aufgenommen. Ziel: eine Einigung noch an diesem Wochenende.

Im Vorteil sind die Arbeitgeber, was sich die IG Metall zum großen Teil selbst zuzuschreiben hat. Auch ihren Streikstrategen war von vornherein klar, dass der Tarifkonflikt inmitten einer schweren Wirtschaftskrise mit mehr als 4,3 Mill. Arbeitslosen nicht leicht werden würde. Unterschätzt haben die Arbeitnehmer-Funktionäre jedoch die Dynamik der Reformdebatte: Als der künftige IG-Metall-Chef Jürgen Peters und der ostdeutsche Bezirksleiter Hasso Düvel im Frühjahr den Streikplan aufstellten, gab es die Agenda 2010 noch nicht.

Und in Wahrheit ist die Streiktaktik nicht so flexibel, wie die IG Metall glauben machen will. Dies zeigte sich auch am Vorabend des 17. Juni, als im Gewerkschaftsvorstand plötzlich Widerstand gegen die Pläne aufkam, den Streik in Berlin/Brandenburg ausgerechnet am 50. Jahrestag des Volksaufstands in der DDR anlaufen zu lassen. Zu diesem Moment war alles schon organisiert, die Streikposten standen bereit - zu spät, den Arbeitskampf noch einmal zu vertagen. Es gab in der IG-Metall-Geschichte Konflikte, die besser vorbereitet waren.

Auch jetzt, wo es wieder um eine Verhandlungslösung geht, hat die Gewerkschaft mit der Zeit so ihre Probleme. In den drei Bundesländern, in denen gestreikt wird, stehen die Sommerferien vor der Tür: in Berlin und Brandenburg am 3. Juli, in Sachsen am 12. Juli. Auch deshalb drängen die Metaller auf schnelle Gespräche mit den Arbeitgebern. Ihr Vorsitzender Klaus Zwickel versicherte am Dienstag: "Die IG Metall wird alles tun, damit wir bis zum Wochenende eine vertretbare Lösung haben."

Auf beiden Seiten wird jetzt intensiv über Kompromissmöglichkeiten nachgedacht. Die IG Metall hat sich fast schon damit abgefunden, dass ein Abschluss wie in der ostdeutschen Stahlindustrie mit einem Stufenplan für die 35-Stunden-Woche bis 2009 nicht zu haben ist. Die Arbeitgeber bestehen darauf, dass eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit allein von ökonomischen Kriterien abhängig gemacht werden muss. Als oberstes Ziel gibt Verhandlungsführer Roland Fischer aus: "Es dürfen keine zusätzlichen Kosten entstehen."

Möglich wäre nun, Zeitplan und wirtschaftliche Maßzahlen miteinander zu verknüpfen. Beispielsweise könnte die erste Stufe der Arbeitszeitverkürzung beginnen, wenn die Produktivität der Ost- Betriebe ein bestimmtes Niveau erreicht hat. In künftigen Lohnerhöhungen könnte dann eine Strukturkomponente erhalten sein: ein Betrag, der im Osten zur Finanzierung der Arbeitszeitverkürzung verwendet wird.

Außerdem verweisen die Gewerkschafter jetzt gern darauf, dass man von Anfang an bereit gewesen sei, die 35-Stunden-Woche an die wirtschaftliche Entwicklung der einzelnen Betriebe zu koppeln und auch eine Revisionsklausel für wirtschaftliche Notfälle zu vereinbaren. "Wir liegen doch gar nicht so weit voneinander entfernt", heißt es im Gewerkschaftslager jetzt plötzlich. Die Kampfrhetorik der ersten Streikwochen - eine Sache von gestern.

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