IG Metall macht Zugeständnisse
Peters gerät intern unter Druck

Nach knapp vierwöchigem Arbeitskampf in der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie geraten IG Metall-Vize Jürgen Peters und der ostdeutsche Verhandlungsführer Hasso Düvel auch gewerkschaftsintern immer stärker unter Druck. Betriebsräte in der Automobilindustrie stellen inzwischen offen die Nominierung Peters? für die Nachfolge von IG-Metall-Chef Klaus Zwickel in Frage.

dc/huh/va BERLIN. "Die Vorsitzendenfrage wird nach der Tarifrunde in der IG Metall neu diskutiert werden", sagte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Opel, Klaus Franz, dem Handelsblatt. Die Fähigkeit zur Strategiefindung müsse eine Kernkompetenz des Vorsitzenden sein, um Schaden von der Gewerkschaft abzuwenden. Diese Fähigkeit sei im aktuellen Tarifkonflikt nicht zu erkennen. Peters ist oberster Tarifpolitiker der Gewerkschaft. Zuvor hatte Daimler-Chrysler-Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm den IG-Metall-Vize bereits einen "tarifpolitischen Geisterfahrer" genannt.

Franz warf Peters vor, er habe die Verkürzung der Arbeitszeit im Osten zum Thema einer Tarifkampagne gemacht, obwohl dies in der IG Metall umstritten gewesen sei. Zwar seien die Arbeitgeber verantwortlich für die aktuelle Zuspitzung, denn sie hätten ihre Zusage aus dem vergangenen Jahr gebrochen, über einen Stufenplan für die 35-Stunden-Woche zu verhandeln. Doch müsse sich die IG Metall fragen, ob dieser Streik darauf die richtige Antwort sei. Ein Arbeitskampf brauche eine Strategie, eine Risikoanalyse und einen Notausgang.

In Peters' früherem Heimatbezirk Niedersachsen setzt man dagegen auf Geschlossenheit. Gerade vor den anstehenden Verhandlungen "brauchen wir vor allem Einigkeit", mahnte ein Bezirksfunktionär. Es sei recht erstaunlich, dass scharfe Kritik an der Streikstrategie gerade dort laut werde, wo man von Fernwirkungen am wenigsten betroffen sei. Anders als für VW und BMW hielten sich die Streikfolgen für Daimler-Chrysler und Opel bisher in Grenzen.

Düvel ist zu Zugeständnissen bereit

Verhandlungsführer Düvel zeigte sich gestern angesichts des hohen Drucks auch von Arbeitgebern und Politik zu weiteren Zugeständnissen bereit. Abweichend vom Anfang Juni erzielten Tarifabschluss für die Stahlindustrie will er bei der Geschwindigkeit der Arbeitszeitverkürzung nun auch ökonomische Kriterien berücksichtigen. Als Beispiel nannte er die Entwicklung von Produktivität oder Lohnstückkosten. "Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit ist ein wichtiger Punkt im Kontext tariflicher Veränderungen", sagte Düvel vor Journalisten. Die IG Metall sei bereit, dies - wie von den Arbeitgebern gefordert - über Kennziffern zu messen.

Zudem bot Düvel gesonderte Arbeitszeitregelungen für "Know-how- Träger" unter den Beschäftigten an. Auch könne man den Anstieg der Ausbildungsvergütungen moderat halten, falls die Arbeitgeber dafür eine verbindliche Zusage über mehr Lehrstellen machten. Damit geht er über die zu Wochenbeginn von IG-Metall- Chef Klaus Zwickel skizzierten Kompromissangebote hinaus "Wir wollen den Konflikt lösen", betonte Düvel.

Heute wollen zunächst Zwickel und Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser in einem Sondierungsgespräch die für Freitag angesetzte neue Tarifverhandlungsrunde vorbereiten. Dazu will Kannegiesser ein neues Lösungsmodell vorstellen. Man werde mit der IG Metall ausloten, welche Bausteine für beide Seiten vorstellbar sind, kündigte er an.

Nach Handelsblatt-Informationen ist Gesamtmetall zu begrenzten Zugeständnissen bei der Arbeitszeitverkürzung bereit - insbesondere dann, wenn sich die Arbeitszeitfrage mit Vereinbarungen über Qualifizierungsansprüche der Beschäftigten verknüpfen lässt. Einen ersten Vorstoß dazu hatte Zwickel nach einer IG-Metall-Betriebsrätekonferenz am Montag unternommen: Danach könnte Arbeitszeit teilweise in Weiterbildungszeiten umgewidmet werden.

Ob schon am Wochenende eine Einigung gelingt, bleibt dennoch ungewiss. Im Arbeitgeberlager wurde die Chance auf "unter 50 %" taxiert. Die Unternehmen seien gegen eine Arbeitszeitverkürzung eingestellt. Die IG Metall sagt für den Fall des Scheiterns den raschen Zerfall des Flächentarifs voraus. Während kleinere Betriebe davon profitieren könnten, werde es dann für große Unternehmen mit hohem gewerkschaftlichem Organisationsgrad "sicher teurer".

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