IG Metall-Vize Peters warnt vor steigenden Lohnerwartungen
Höhere Inflation heizt Tarifkonflikt an

Die Inflation wird zum zentralen Konfliktthema in der aktuellen Lohnrunde. Die Gewerkschaften wollen unter allen Umständen einen Abschluss vermeiden, der wie im Jahr 2001 hinter der Preissteigerung zurückbleibt. Die Arbeitgeber warnen vor dem Verlust von Arbeitsplätzen.

huh/pbs BERLIN/DÜSSELDORF. Die Preise sind im Januar nach oben geklettert und haben aus Sicht der IG Metall damit ein neues Argument für ihre Lohnforderungen geliefert. Konjunkturexperten, wie Wolfgang Nierhaus vom Münchner Institut für Wirtschaftsforschung, warnen dagegen: "Die Januar-Zahl darf nicht als Basis für Lohnverhandlungen genommen werden."

IG Metall-Vize Jürgen Peters sieht das anders. "Die Erwartungen der Mitglieder werden weiter steigen", prophezeite Peters gegenüber dem Handelsblatt. Viele Arbeitnehmer befürchteten, dass ihre Arbeitsleistung durch steigende Preise entwertet werde. Laut Peters wäre die Forderung der IG Metall womöglich höher als 6,5 % ausgefallen, wenn schon früher der Anstieg der Inflationsrate bekannt gewesen wäre. Eine Einigung mit den Arbeitgebern werde nach den Inflationszahlen schwieriger, sagte er. Auch die gemäßigte Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie erwartet, dass der Druck auf einen hohen Lohnabschluss jetzt zunimmt. Ihre Forderung liegt bei 5,5 %.

IG BCE-Tarifvorstand Werner Bischoff mahnte allerdings in Übereinstimmung mit den Arbeitgebern, allein der Januarwert der Inflation dürfe keine Grundlage eines Abschlusses sein. Metallarbeitgeber-Präsident Martin Kannegiesser sagte: "Die Tarifpolitik kann es sich nicht leisten, von Salatkopf zu Salatkopf zu springen".

Dafür plädiert auch die Wissenschaft. Die Lohnabschlüsse sollten sich an den mittelfristigen Inflations- und Produktivitätsdaten orientieren, fordert Joachim Scheide, Leiter der Konjunkturabteilung am Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Für die Inflation nennt Scheide 1,5% als mittelfristige Rate, der Produktivitätsfortschritt liege bei rund 1%. Aus diesen Zahlen ergebe sich ein beschäftigungsneutraler Lohnabschluss von 2,5%. "Wenn wir die Beschäftigung steigern wollen, müssen wir aber noch einen halben Prozentpunkt unter dieser Marke bleiben", sagt Scheide.

Sollte die IG Metall mit Hinweis auf die Inflation jetzt einen hohen Lohnabschluss durchsetzen, würden Arbeitsplätze verloren gehen, warnte denn auch Gesamtmetall-Chef Kannegiesser. Allein in der Metall- und Elektroindustrie bestehe zurzeit ein Personalüberhang von 140 000 der insgesamt 3,6 Mill. Beschäftigten, da die Unternehmen nicht ausgelastet seien. Diese Zahl könne schnell größer werden. "Die schlechte Wirtschaftslage lässt keinen Spielraum, um höhere Lohnkosten über die Preise abzuwälzen," sagte Kannegießer. Der Gesamtmetall-Chef schloss einen Tarifabschluss unterhalb der Inflationsrate nicht aus. Die Lohnerhöhung dürfe sich nur am erwarteten Produktivitätswachstum orientieren. Es sei deshalb zu hoffen, dass dieses über der Inflation im Jahr 2002 liegen werde.

Die IG Metall reagierte empört. "Wenn die Arbeitgeber das Klima weiter so anheizen, dann sind sie für die Verschärfung der Tarifrunde verantwortlich," sagte ihr Vize Peters. Für die Gewerkschaften ist die Entwicklung der Inflation von zentraler Bedeutung für diese Tarifrunde. Denn schon 2001 war die Teuerung, unter anderem ausgelöst durch die Tierseuchen, unerwartet stark gestiegen - die realen Löhne sanken. Dies habe zu der aktuell explosiven Stimmung in den Betrieben beigetragen, heißt es im Arbeitnehmerlager.

Die Vorstellungen über den Spielraum bei den Lohnerhöhungen gehen weit auseinander: Während die Arbeitgeber allein das Wachstum der Produktivität zur Richtschnur erklären, fordert die IG Metall die Summe aus Produktivitäts- und Inflationszuwachs plus einer "Umverteilungskomponente".

Noch im vergangenen Jahr konnten die Gewerkschaftsbosse der Versuchung höherer Abschlüsse widerstehen (siehe Grafik). Trotz der Preissteigerungen zu Jahresbeginn 2001 sei es bei den 2000 vereinbarten Abschlüssen geblieben, lobte der Sachverständigenrat in seinem Herbstgutachten. Für die Lohnpolitik 2001 vergaben die "Fünf Weisen" das Prädikat "moderat und beschäftigungsorientiert". Die tariflich vereinbarten Löhne und Gehälter waren im Durchschnitt um 2 % gewachsen - wie schon 2000.

Wohin überhöhte Lohnforderungen als Reaktion auf gestiegene Preise führen können, das haben die 70er Jahre gezeigt. Als Folge des Ölpreisschocks konnten die Gewerkschaften gewaltige Lohnerhöhungen durchsetzen. "Zu mehr Beschäftigung hat das nicht geführt", sagt IfW-Experte Scheide - die Lohnerhöhungen flossen ins Ausland ab.

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