Archiv
IG Metall widersetzt sich Appellen zum Maßhalten

Die IG Metall will ihre Forderung nach Lohnerhöhungen um 6,5 Prozent für die 3,6 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektrobranche notfalls mit Streiks durchsetzen.

Reuters FRANKFURT/HAMBURG. Der Gewerkschaftsvorstand legte sich am Montag in Frankfurt auf einen harten Kurs für die anstehende Tarifrunde fest und billigte die zuvor von allen IG-Metall- Bezirken aufgestellte Forderungshöhe. Damit widersetzt sich die größte Industriegewerkschaft allen Appellen von Arbeitgebern, Volkswirten und aus der Politik für eine moderate Lohnrunde. Die Bundesregierung warnte vor einem harten Arbeitskampf. Während Gewerkschaftschef Klaus Zwickel die Bereitschaft der IG Metall zum Streik bekräftigte, versuchten die Metallarbeitgeber den Konflikt zu entschärfen.

Die IG Metall begründete ihre Forderung mit einem Nachholbedarf, den die Beschäftigten nach der Tarifrunde vor zwei Jahren nun hätten. Der für Tarifpolitik im Gewerkschaftsvorstand verantwortliche stellvertretende IG-Metall-Vorsitzende Jürgen Peters sagte im NDR, seine Gewerkschaft orientiere sich bei der Höhe ihrer Forderung an der Produktivitätsentwicklung und der Preissteigerungrate. Hinzu komme diesmal eine so genannte Umverteilungskomponente, mit der die Arbeitnehmer einen Anteil an den gestiegenen Gewinnen der Unternehmen verlangten. In einem Abschluss soll zudem ein Einstieg in ein gemeinsames Entgeltsystem für Arbeiter und Angestellte erreicht werden.

Zu der Frage, ob die von den Arbeitgebern als überzogen kritisierte Forderung nicht den Konjunkturaufschwung und damit die Schaffung neuer Arbeitsplätze gefährden könnte, sagte Peters, Lohnverzicht führe nicht zu mehr Beschäftigung. Die IG Metall wolle mit ihrer Lohnpolitik dazu beitragen, dass die Binnennachfrage gestärkt werde. "Autos kaufen keine Autos", sagte Peters.

Zwickel sagte, die IG Metall werde wenn nötig für ihre Forderungen kämpfen. Seine Gewerkschaft ziehe eine Lösung am Verhandlungstisch zwar vor. Sollte von den Arbeitgebern in den am 7. Februar in Bayern beginnenden Gesprächen aber kein Signal für einen angemessenen Tarifabschluss kommen, werde es eng werden. Erste Warnstreiks sind nach Ablauf der Friedenspflicht unmittelbar nach Ostern möglich.

Mit Blick auf das Bündnis für Arbeit drückte Zwickel sein Interesse an einer Fortsetzung der Gespräche von Gewerkschaften, Arbeitgebern und Bundesregierung aus. Für den Abbau der Arbeitslosigkeit sei im Bündnis bisher aber zu wenig geschehen. "Jetzt liegt es an den Arbeitgebern. Sie dürften nicht nur immer Forderungen an andere stellen. Sie müssen endlich auch selbst mehr tun." Dabei komme einem Abbau der Überstunden besondere Bedeutung zu.

Die Metallarbeitgeber lehnten die Forderung der IG Metall erneut als überzogen ab. Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser versuchte zugleich aber, die Wogen in der aufgeheizten Tarif-Diskussion zu glätten. Angesichts einer mageren Ertragsentwicklung in der Branche müsse die Sicherung vorhandener Arbeitsplätze oberstes Ziel der Tarifparteien sein.

Es bedürfe einer gewaltigen gemeinsamen Kraftanstrengung von Unternehmen und Gewerkschaften, um Arbeitsplätze zu sichern, für die es eigentlich weder ausreichend Arbeit noch Unternehmensgewinne gebe. Lohnerhöhungen dürften daher den gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsfortschritt nicht überschreiten. Kannegiesser forderte zudem die Möglichkeit, bei Tarifabschlüssen nach der Leistungskraft einzelner Betriebe zu differenzieren. "Man kann nicht die Schraubenfabrik im Sauerland und den Fahrzeughersteller in München oder Stuttgart über einen Leisten schlagen." Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt warf der IG Metall vor, sie steuere auf einen beschäftigungspolitischen "GAU" (größter anzunehmender Unfall) zu.

Bundesarbeitsminister Walter Riester (SPD) warnte in der "Bild"-Zeitung, ein Streik würde keiner Seite nützen. "In der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation müssen alle Beteiligten daran interessiert sein, das Klima nicht zu belasten und vernünftige Abschlüsse zu erzielen."

Der Präsident des Hamburger Welt-Wirtschafts-Archivs (HWWA), Thomas Straubhaar, sagte, ein Streik würde im Ausland so verstanden, dass Deutschland die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt habe. Konjunkturforscher halten einen längeren Streik allerdings wegen der gegenwärtigen Wirtschaftlage für eher unwahrscheinlich. Aus Angst vor Stellenabbau seien die Arbeitnehmer vermutlich nicht zu einem langen Arbeitskampf bereit.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%