Illegaler Handel sprunghaft gestiegen
In Zentralasien blüht der Atomschmuggel

In Zentralasien wächst die Angst vor Terroranschlägen mit Atommaterial. Hintergrund ist eine stark gestiegene Zahl von Atomschmuggelfällen in Mittelasien, der Türkei und dem Kaukasus.

mbr MOSKAU. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hat kürzlich einen starken Anstieg solcher Fälle gemeldet: Während von 1994 bis 1995 gerade vier von weltweit nur 104 aufgedeckten Fällen des Schmuggelns von Nuklearmaterial in dieser Region vorgekommen seien, so waren es zwischen 1996 und vorigem August 16 der international 72 aufgeflogenen Fälle.

Anstieg des Atomschmuggels in den Nahen Osten

"Seit Mitte der 90er Jahre gibt es einen starken Anstieg des Atomschmuggels in den Nahen Osten und nach Asien", sagte Alex Schmid, Antiterrorismus-Spezialist der Uno. Im Nahen und Mittleren Osten arbeiten mehrere Staaten an eigenen Atomwaffenprogrammen. Seit den US-Terroranschlägen wächst aber auch die Furcht, dass Terroristen selbst gebaute Atomwaffen einsetzen könnten.

Der jüngste Schmuggelfall hat die Strafverfolgungsbehörden aufgeschreckt: Im Juli hatte in der georgischen Schwarzmeer-Hafenstadt Batumi Shota Geladse, ein Offizier der Armee Georgiens, zwei Kilo angereichertes Uran-235 für 100 000 $ angeboten. Zwar werden für Atombomben zehn Kilo benötigt, doch schlugen die Behörden Alarm: Denn erstmals war ein Schmuggelfall mit Armeebeteiligung aufgeflogen, außerdem ist angereichertes Uran-235 waffenfähig.

Verlagerung der Handels-Routen

Auch westliche Fahnder wurden hellhörig, belegt der Fall doch die bereits vermutete Verlagerung der internationalen Atomschmuggel-Routen von Europa nach Zentralasien und in den Kaukasus. Dort aber sind wegen der Korruptionsanfälligkeit der Polizei und den kurzen Wegen die Forschungslabors im Iran und Irak nicht weit. In den beiden Ländern verdienen in ihrer Heimat unterbezahlte Atomexperten der zerfallenen Sowjetunion nach US-Angaben heute zahlreich ihr Geld. Pakistan baut derweil sein Atomwaffenpotenzial aus.

Die USA sehen die Entwicklung mit Sorge und haben für mehrere Millionen Dollar Anlagen zum Aufspüren von atomarer Fracht in die Staaten der Region geliefert und die Grenzschützer geschult. Doch ein Kilo Plutonium ist gerade so groß wie eine Cola-Dose und somit ohne spezielle Messgeräte nur schwer zu finden. Aufgrund der technischen Hilfe aus Amerika konnte in Usbekistan ein mit Atomfracht beladener Lkw, der aus dem Atomstaat Kasachstan über Usbekistan und Turkmenistan in den Iran fahren sollte, entdeckt werden. Ein anderer Laster konnte bei der usbekischen Hauptstadt Taschkent gestoppt werden, als er von Kasachstan kommend zehn Behälter von der Größe eines Briefumschlags mit Atommaterial nach Pakistan liefern sollte.

Aber Washington befürchtet, dass für Russland, wo große Mengen radioaktiven Materials nur unzureichend gesichert lagern, die Schmuggelroute über Mittelasien und den Kaukasus wesentlich einfacher ist für den Transport von Nuklearstoffen in die genannten Abnehmerländer. "Das Nuklearmaterial stammt zumeist aus Russland, aber wenn es einmal heraus gelangt, ist die Region für die Weiterverbreitung weit offen", meint Garry Milhollin vom Wisconsin Projekt für Rüstungskontrolle über die Gefahr des neuen Verteilergebiets Zentralasien.

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