"Im Bauch das Gefühl, dass wir die Wahl gewinnen"
Vor NRW-Entscheidung: Jürgen Rüttgers

Bei all den Einladungen zum Neujahrsempfang dürfte sich Jürgen Rüttgers über jene der CDU Köln-Porz besonders gefreut haben: "Mit dem zukünftigen Ministerpräsidenten Dr. Jürgen Rüttgers" ist darauf zu lesen. Ob es so weit kommt?

Rüttgers gibt sich unverdrossen, versucht, Aufbruchstimmung zu erzeugen. "Ich habe tief im Bauch das Gefühl, dass wir die Wahl gewinnen", lautet ein Standardsatz des Pulheimers. Wenn das mal nicht trügt. Die SPD regiert seit 38 Jahren das Land, die CDU gilt als ewige Opposition. Rüttgers größte Herausforderung ist es, das scheinbar politische Naturgesetz zu widerlegen. Die Gehaltsaffären um den Arbeitnehmervertreter Hermann-Josef Arentz und CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer - beide aus NRW, beide mussten ihre Posten räumen - gefährdeten indes die Vorbereitungen auf den Regierungswechsel von Rot-Grün zu Schwarz-Gelb. Deshalb drängte Rüttgers Arentz, wenn auch spät, zum Rückzug und machte so sei- ne Machtfülle und Einflussmöglichkeiten deutlich. Immerhin ist er Vorsitzender des größten CDU-Landesverbandes, der Landtagsfraktion und Stellvertreter von Parteichefin Angela Merkel.

Der ersehnte Erfolg in NRW würde Rüttgers reichlich Reputation einbringen. Inzwischen ist ihm auch eine gewisse Ungeduld anzumerken. Jüngst zeigte Rüttgers mit dem Zeigefinger zur Staatskanzlei, zum Büro des SPD-Ministerpräsidenten Peer Steinbrück, und sagte im Beisein des WDR: "Da will ich rein" - wie weiland Gerhard Schröder am Tor des Bonner Bundeskanzleramtes. Ähnlich boulevardeske Einlagen macht Rüttgers öfters. Er baut vor Fernsehkameras Bücherregale auf, ersetzt für drei Tage eine Lehrerin in Schule und Familie. Und tourt mit seiner "Rüttgers ganz persönlich"-Show durchs Land, erzählt vom Vater, dem Elektriker, von seinen drei Söhnen. Ehefrau Angelika begleitet ihn. Rüttgers hat den Wärmestrahler eingeschaltet. Ob es nützt?

Vor fünf Jahren scheiterte er im Duell mit Wolfgang Clement. Lange deutete alles darauf hin, dass sich eine solche Niederlage nicht wiederholt. Rüttgers Landesverband konnte sich im Dauerhoch der Umfragen sonnen. Seit seiner Wahl zum Landesvorsitzenden 1999 tariert er fortwährend die Forderungen der widerstreitenden Flügel aus, was aber zu Lasten seiner Entschlussfreudigkeit geht. Einmal ist er das "soziale Gewissen", dann wieder Hardliner. Einer, der offen mit den Grünen flirtete, aber sich für die FDP entschied. Schließlich machte Rüttgers Fehler, forderte eine "Generalrevision" von Hartz IV, wirkte widersprüchlich im Streit um die Gesundheitsreform. Es schien, als rotiere sein politischer Kompass.

Alte Klischees tauchten auf: Rüttgers, der Zauderer, der Meinungs- und Positionsspringer. Die wichtigste Errungenschaft drohte zu zerbröseln: die Geschlossenheit eines schwierigen Landesverbands. Durch Köln verläuft eine Art San-Andreas-Graben, von dem regelmäßig Erschütterungen für die CDU ausgehen. Der Kreisverband mit seinen Skandalen zwang Rüttgers dazu, durchzugreifen und einen umstrittenen Landtagskandidaten zu stürzen. Risiko war seine Sache bisher nicht. Umso bemerkenswerter ist sein jüngstes Bekenntnis: "Jetzt will ich es wissen: Jetzt oder nie." So spricht jemand, der weiß, dass ihm nur noch eine Chance bleibt.

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