Im Briefkasten der Opfer stapeln sich die Mahnungen - Schuldeneintreiber tauchen auf
Identitätsklau: Albtraum für unbescholtene Bürger

Wie viele Albträume, fing auch der von Michelle Morris zunächst ganz harmlos an.

HB/dpa WASHINGTON. "Ihr Ofen ist zum Abholen bereit", flötete die fröhliche Mitarbeiterin des Kaufhauses ins Telefon. "Mein was?", fragte Morris entgeistert. Ein Wildfremder hatte in Morris' Namen einen Ofen bestellt und mit einem ihrer Schecks bezahlt. Kaum wurde der 28-Jährigen aus Florida klar, dass jemand ihr Scheckheft geklaut hatte, ging es Schlag auf Schlag. Insgesamt 19 Schecks über mehr als 2800 Dollar hatte der Unbekannte ausgestellt. Mehrere davon waren geplatzt und die Empfänger verlangten von Morris umgehende Zahlung.

Glen Guile aus Raleigh in North Carolina wurde auch per Telefon ins Chaos gestürzt. Ein Baumarkt rief ihn an, um zu bemängeln, dass seine hauseigene Kreditkarte überzogen sei. Der Haken: Guile hatte dort niemals eine Kreditkarte beantragt. "Es ist, als würde man vergewaltigt", sagte Guile in einer Radio-Talkshow.

Selene aus Kalifornien erhielt den Anruf einer Kreditkartenfirma, die Details ihres Antrags besprechen wollte. Die Frau hatte die Karte nie bestellt. Eine Betrügerin hatte sich die in den USA zur Identifizierung jedes Bürgers wichtige Sozialversicherungsnummer von Selene angeeignet und begann, ihr Unwesen zu treiben. "Sie hatte 'meine' Adresse geändert, eine neue Telefonleitung und jede Menge Kreditkarten bestellt", berichtete Selene im Juni 2000 vor einem Kongressausschuss. "Die Polizei sagte mir, ich müsse erstmal beweisen, dass jemand anders in meinem Namen handelte."

Für die Opfer ist die Entdeckung eines Identitätsdiebstahls der Anfang eines monatelangen Albtraums. Einmal als Problemkunde gebrandmarkt zu sein kann das Leben richtig schwer machen. In den USA werden praktisch alle größeren Anschaffungen - vom Wintermantel über das Sofa bis zum Auto - über Kredite finanziert. Die Unternehmen ködern die Kunden mit Angeboten problemloser Finanzierungen. Zwischen dem schicken Persianer oder der neuen Chromküche und dem Kunden steht praktisch nur die alles entscheidende "credit history" - der Report einer der großen Kreditauskunftsdienste. Wer seine Schulden immer brav abzahlt, gilt praktisch jedem Unternehmen als guter Kunde.

Doch wehe, ein paar geplatzte Schecks oder überzogene Kreditkartenkonten tauchen dort auf. Sofort ist der Name ruiniert. Banken verweigern neues Geld und neue Konten, Handy-Firmen verlängern Verträge nicht, Versicherungen kündigen Verträge und Läden ziehen ihre verlockenden Angebote sofort zurück. Das Missverständnis aufzuklären und Kreditgeber zu überzeugen, dass jemand anders im Namen des Opfers Chaos angerichtet hat, kann Monate dauern.

Im Briefkasten der Opfer stapeln sich die Mahnungen. Schuldeneintreiber tauchen auf. "Diese Frau hat mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt", schrieb eine Frau an die Hilfsorganisation "Privacy Rights Clearinghouse". Ihr war die Tasche mit Kreditkarten Führerschein, und Sozialversicherungsnummer im Büro gestohlen worden.

Zu allem Überfluss flatterte der Frau noch eine gerichtliche Vorladung ins Haus, weil die Diebin beim Ladendiebstahl erwischt worden war und kurzerhand die Persönlichkeitsdaten ihres Opfers angegeben hatte. Eine junge Frau in San Diego wurde am ersten Arbeitstag mit Handschellen erwartet und ins Gefängnis gebracht. Bei einer Überprüfung hatte der Arbeitgeber einen ausstehenden Haftbefehl im Namen der neuen Mitarbeiterin entdeckt und prompt die Polizei gerufen. Der Haftbefehl wegen Marihuana-Besitzes galt einer anderen, die sich die Identität der ahnungslosen Frau angeeignet hatte.

Nach Angaben von Privacy Rights Clearinghouse dauert es im Schnitt zwei Jahre und unzähliche Stunden am Telefon, bis die Opfer ihre Kreditwürdigkeit wieder hergestellt haben. Kosten in Höhe von 1000 Dollar (1000 Euro) sind keine Seltenheit. Die US-Regierung schätzt, dass im Jahr 750 000 Menschen Opfer von Identitätsdiebstahl werden. Die Zahl wächst ständig.

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