Im Finale wartet Schweden
Tor mit stählernem Vorhang

Mit voller Wucht und enormer Leidenschaft rannten die US-Girls im WM-Halbfinale Minute um Minute auf das Gehäuse von Silke Rottenberg an. Doch die hielt in bester Oliver-Kahn-Manier alles was kam. Nicht nur die unterlegenen Gegnerinnen zogen anschließend den Hut.

HB KÖLN. Zurück blieben fassungslose WM-Gastgeber. Einen "stählernen Vorhang" hatte die Tageszeitung "USA Today" im Tor der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft entdeckt, während US-Trainerin April Heinrichs sachlich festhielt: "Silke Rottenberg war überragend." 0:3 verloren die USA am Sonntag (Ortszeit) im WM-Halbfinale in Portland/Oregon gegen Deutschland. Doch die Trainerin des US-Teams beließ es nicht bei einem Einzellob, sondern verarbeitete das Aus ("Wir können mit der Niederlage leben, weil dies das vielleicht beste Spiel war, das es im Frauenfußball je gegeben hat") mit einer entschlossenen Huldigung: "Deutschland hat ein sensationelles Team." Mit diesem Wissen marschierte sie nach dem Abpfiff auch zur Kollegin Tina Theune-Meyer und bat: "Macht weiter so und gewinnt die Angelegenheit hier."

Es war, als hätten die US-Amerikanerinnen die bitteren Tränen, die erschütterten Blicke in den letzten Trainingseinheiten für alle Fälle schon einmal einstudiert. Komplett filmreif starrten sie nach der Niederlage ins Nichts - und den überzeugendsten Schmerz lieferte dabei Mia Hamm, die große Figur des Frauenfußballs, ab. Geradezu herzzerreißend wurde die Szenerie, als die verletzte Brandi Chastain von hinten an Hamm heranhumpelte und der Kollegin einen Kuss auf den Pferdeschwanz drückte. Die noch amtierenden Weltmeisterinnen waren ausgeschieden - im eigenen Land.

Rottenberg war nicht zimperlich

Vor allem wegen Silke Rottenberg. Die Torhüterin vom FCR Duisburg bekam gegen die nicht immer schlau, aber durchgehend mit voller Leidenschaft anrennenden Amerikanerinnen all das zu halten, was ihr in den ersten vier WM-Spielen erspart geblieben war. Doch mit Händen, Füßen und Maßnahmen scharf an der Grenze des Erlaubten verteidigte die 31-Jährige den 1:0-Vorsprung, den Mittelfeldspielerin Kerstin Garefrekes in der 15. Minute nach einer Ecke herausgeköpft hatte. Bis in die Nachspielzeit, als Maren Meinert auf Vorlage von Birgit Prinz und Prinz auf Vorlage von Meinert die zweite Finalteilnahme einer deutschen Auswahl im vierten WM-Turnier vollendeten. 1995 hatten sie in Schweden gegen Norwegen 0:2 verloren.

Wer Silke Rottenberg einmal die Hand gedrückt hat, kann erahnen, wie sich die US-Stürmerin Tiffany Milbrett Mitte der zweiten Halbzeit gefühlt haben muss, als ihr die wuchtige Keeperin aus Deutschland in die Glieder sprang. Und zwar im Strafraum. Der Elfmeterpfiff blieb aus, und die gelernte Zahnarzthelferin gab sich nachher ahnungslos: "Ja, war da was?" Viel wichtiger war ihr, ein Dankeschön an die Mitspielerinnen zu formulieren. "Ich bin froh", dass ich so eine Supermannschaft vor mir stehen habe. Deshalb bin ich auch überglücklich, dass ich der Mannschaft jetzt etwas zurückgeben konnte."

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