Im Fokus sind die Zulieferer.
Das Auto wird zum Motor

Grün, schwarz oder doch lieber grau? Grau ist gut. Und kaum hat der Kunde sich per Mausklick für einen grauen Türgriff an seinem Neuwagen entschieden, purzelt tausende Kilometer entfernt graues Plastikgranulat in die Maschine.

DÜSSELDORF. Grün, schwarz oder doch lieber grau? Grau ist gut. Und kaum hat der Kunde sich per Mausklick für einen grauen Türgriff an seinem Neuwagen entschieden, purzelt tausende Kilometer entfernt graues Plastikgranulat in die Maschine. Die Experten sprechen von "Production on Demand": Der Kunde als Auslöser des Produktionsprozesses. Das ist eine der Visionen, die die Automobilhersteller zur Gründung von Internetplattformen getrieben haben - wie etwa Covisint, eines der größten Internet-Projekte weltweit.

Doch so griffig die Vorstellung auch ist, sie bedeutet in der Praxis für Fachleute wie John Sobeck noch ein paar Jahre Arbeit. Der 33-Jährige ist der Leiter der Abteilung Global E-Business bei der ZF - Gruppe in Friedrichshafen, dem weltweit größten unabhängigen Zulieferer von Antriebs- und Fahrwerkstechnik. Sein Auftrag: Mehr als 50 Standorte in 17 Ländern müssen für das Web fit gemacht werden.

ZF ist ein typischer Fall: Überall befindet sich die Automobilzuliefer-Branche im Umbruch. Seit den Ankündigungen der Autohersteller, Online-Plattformen einzurichten, stehen die Zulieferer unter Zugzwang. Viele haben Teams mit Spezialisten aus den Abteilungen Einkauf, Vertrieb und EDV gebildet. Laut einer Studie des Center of Automotive Research (Car) im Auftrag des Verbandes der Automobilindustrie messen aktuell 58% der Zulieferer dem Internet eine wichtige bis sehr wichtige Rolle bei. 99% der befragten Zulieferer sind überzeugt, dass das Netz im Jahr 2005 eine zentrale Bedeutung für ihren Betrieb einnehmen wird.

"Wir haben uns zunächst das Büromaterial vorgenommen und die Dinge, die wir nicht für die Produktion brauchen. Das alles kann jetzt über einen Online-Katalog bestellt werden", sagt John Sobeck von ZF. Durch die Online-Abwicklung will das Unternehmen bis zu 5% bei den Materialkosten und bis zu 60% der Kosten für den Bestellvorgang einsparen. "Wir brauchen dadurch zum Beispiel keinen Platz mehr für eigene Lagerbestände."

Doch das ist erst der Anfang. In der letzten Ausbaustufe sollen Autohersteller, die großen Zulieferer und wiederum deren Zulieferer miteinander vernetzt sein. Dadurch, so hoffen die Fahrzeugproduzenten, ließen sich durchschnittlich 14% beim Kauf von Zündkerzen, Batterien oder Kabeln sparen. Bei den rund 10000 Einzelteilen, die in einem Durchschnittsauto stecken, ließen sich die Baukosten pro Fahrzeug um bis zu 1000Dollar senken. "Bis dahin wird es aber noch ein bis zwei Jahre dauern", vermutet Sobeck. Bis Ende des Jahres werde es als ersten Schritt aber schon mal ein automatisiertes Anfrage- und Angebotswesen geben.

Der Hannoveraner Zulieferer Continental, einer der größten Reifenhersteller Deutschlands, hat sich gleich an etlichen Internet-Firmen beteiligt. Darunter etwa Einkaufsplattformen für Kautschuk, Elektronik und C-Teile. Ähnlich wie bei ZF stehen aber auch die internen Abläufe bei Continental auf dem Prüfstand. Eine eigene Abteilung ist für den elektronischen Handel ins Leben gerufen worden. Experten aus der EDV-, Beschaffungs- sowie Vertriebsabteilung sollen unter Leitung von Martin Thiele die Aktivitäten koordinieren. "In der Produktion haben wir die Prozesse schon weitgehend optimiert", sagt Thiele. Das große Sparpotenzial sieht er bei der Beschaffung von Teilen, die nicht direkt zur Produktion gehören. "Da sind noch mal 10 bis 20% drin."

Die Vernetzung via Internet bietet indes auch für kleine Unternehmen Vorteile, die für die großen Automobilzulieferer Teile fertigen. Die bisherigen Systeme für den elektronischen Austausch von Geschäftsdaten über eine eigene Datenleitung, so genannte EDI-Systeme, waren für viele der kleinen Zulieferer schlicht zu teuer. "In Zukunft brauchen diese Betriebe nur einen Internet-Anschluss, um mit uns zu kommunizieren", sagt ZF-Mann Sobeck. "Und bei uns können die Abläufe komplett automatisiert werden."

Dort steckt ein großes Einsparpotenzial, ist auch Michael Klemm, Vorstandsvorsitzender von Supply On überzeugt. Das Münchener Startup will den Zulieferern helfen, mittels Internet ihre Wertschöpfungskette zu optimieren. Supply On wurde von Bosch, dem größten deutschen Zulieferer, der Continental AG, der ZF-Gruppe, dem Software- Unternehmen SAP und INA Wälzlager Schaeffler gegründet. Zwischen den Automobilherstellern und den großen Zulieferern liege die Quote der Vernetzung via EDI bei nahezu 100%, sagt Klemm. "Dagegen erreicht sie zwischen den großen und den kleinen Zulieferern bislang allenfalls 20%."

Das könnte durch das Internet anders werden und den Firmen entscheidende Vorteile bringen. So gehen mehr als zwei Drittel der Zulieferer davon aus, dass der Datentransfer zu den Autoherstellern schneller wird, ergab die Studie der Car-Forscher. Mehr als die Hälfte der Zulieferer glaubt, dass sich durch das Internet auch bei ihnen Kosten sparen lassen und die Kundeninformationen verbessert werden können. Fast die Hälfte rechnet mit verbesserten Einkaufsbedingungen und bis zum Jahr 2005 mit erhöhten Umsätzen durch das Internet. Ein Großteil hofft außerdem, einen verbesserten Zugang zum Wartungs- und Reparaturgeschäft der Autohersteller zu bekommen.

"Einen richtigen Schub wird das Internet bringen, wenn die Design- und Entwicklungszusammenarbeit mit den Herstellern online abläuft", ahnt Continental-Mann Thiele. Seine Vermutung: In ein bis anderthalb Jahren werden die ersten Programme dafür verfügbar sein. Als Folge könnten die Entwicklungszeiten für neue Modelle deutlich verkürzt werden. Bedingung sei allerdings ein einheitlicher technischer Standard, findet Supply On-Chef Klemm.

Doch die Vernetzung hat nicht nur Vorteile. So vermuten 79% der Zulieferer einen höheren Wettbewerbsdruck. "Je weiter ?unten' das Unternehmen dabei in der Zulieferpyramide steht, umso stärker wird ein Internet-Preisdruck erwartet", bilanzieren die Car-Forscher. Außerdem rechnen 64% der Zulieferer damit, dass der persönliche Kundenkontakt fehlen wird.

Schließlich darf ein nicht unwesentlicher Faktor bei der Einführung der neuen Technik nicht vernachlässigt werden: der Mensch. So sind 40% der Zulieferer überzeugt, dass fehlendes Mitarbeiter-Know-how die Ausrichtung der Geschäftsprozesse behindern kann. Und nicht nur das: "Es wird tiefgreifende Prozessreorganisationen geben, Arbeitsplätze werden sich verändern, und Informationen, die früher nur einem begrenzten Kreis zugänglich waren, werden frei verfügbar sein", glaubt Klemm von der Zuliefer-Plattform. Und: "Damit werden manche Mitarbeiter ihr bisheriges Monopol verlieren, was nicht allen leicht fallen wird."

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