Im französischen Niemandsland kann Michael Schumacher am Sonntag zum fünften Mal Weltmeister werden
Es droht die Party in der Provinz

Michael Schumacher kann am Sonntag erneut den WM-Titel gewinnen. Lieber wäre ihm die Feier jedoch in Hockenheim. Gut möglich, dass es eine ganz neue Stallregie bei Ferrari gibt.

DÜSSELDORF/MAGNY-COURS. Alles eine Frage der Wahrscheinlichkeit: Seit fast genau einem Jahr ist die rote Nummer eins nicht mehr ausgefallen, in dieser Zeit war Michael Schumacher nur einmal nicht auf dem Podium (als Vierter in Monza). Von den zehn Rennen dieser Saison hat er nicht nur sieben gewonnen, er konnte als einziger aller 22 Piloten auch sämtliche 651 möglichen Rennrunden drehen. Sein Ferrari, ein Muster an Zuverlässigkeit. Und in der französischen Provinz hat er bereits fünf Siege erzielt, so viele wie sonst nirgendwo.

Sechs Punkte mehr als Teamkollege Rubens Barrichello und Juan-Pablo Montoya im BMW-Williams muss der Kerpener am Sonntag in Magny-Cours holen, dann hat er seinen fünften Weltmeister-Titel bereits im elften von 17 WM-Läufen sicher, und fährt neben der Beförderung auf Fangio-Niveau auch den Titel als schnellster Weltmeister der Geschichte ein - lediglich 140 Tage hätte er dann für den Hattrick mit Ferrari benötigt.

Bevor Schumacher wieder Geschichte macht, gibt er beinahe trotzig den Selbstzweifler. Den Vergleich mit Fangio verweigert er weiterhin, aus Bescheidenheit, aber der Widerstand gegen die vorzeitige Kür war schon mal heftiger. "Sicherlich" werde man versuchen, die Sache schon in Frankreich hinzukriegen. Er traut zwar den Ferrari-Fähigkeiten, aber nicht der Konkurrenz - Bruder Ralf zum Beispiel verspürt keine Lust, dem Großen bereits in Magny-Cours gratulieren zu dürfen.

Der Große Preis von Deutschland, der wegen der Sommerpause der Formel 1 schon in Wochenfrist auf dem Programm steht, wäre natürlich der adäquatere Ort für eine Kür als eine vorgezogene Feier im Niemandsland. Das finden die badischen Veranstalter, die im komplett umgebauten und erweiterten Motodrom noch etwa 20 000 Karten zu vergeben haben, natürlich auch. Michael Schumacher selbst hätte, wenn es die Umstände dann so wollen, nichts dagegen. "Es ist egal, ob es hier oder bei einem anderen Rennen passiert, Hauptsache, es passiert", sagte der Deutsche gestern und zeigte sich zuversichtlich. "Wir hatten einen guten Test mit Bridgestone und bekommen neue Reifen für dieses Rennen."

Ob die Theorie greift, dass Schumacher mit Blick auf das Heimspiel in Hockenheim womöglich absichtlich verliert, ist durchaus möglich und darf dennoch bezweifelt werden. Auch Rubens Barrichello glaubt offiziell nicht daran. Eine umgekehrte Stallorder zu Gunsten des Brasilianers wäre zwar etwas Neues in der Formel 1, stünde aber entgegen der bisherigen Nummer-Sicher-Strategie von Ferrari.

Im Zuge der Resteverwertung der Saison, die ebenfalls bereits begonnen hat, geht es schon mehr um 2003 als um die Ehrenplätze. "Das wir ein so gutes Auto haben, hilft uns nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft", weiß Barrichello, "wir werden immer besser." Die Konkurrenz darf das getrost als Drohung auffassen. Ferrari lebt die Harmonie in Perfektion vor, wogegen es selbst bei den direkten Verfolgern Gesprächsbedarf gibt. Bei BMW und Williams werden die Modalitäten der Partnerschaft und des Konzepts fürs nächste Jahr diskutiert, McLaren und Mercedes diskutieren über technische und personelle Strukturveränderungen, bei Benetton steht das fahrerische Personal zur Disposition.

Das sind immer noch Luxussorgen gegenüber den heftigen Problemen, die das nach geordnete Mittelfeld plagen: Das Arrows-Team kann zwar offenbar die Raten für die Leihmotoren von Jaguar bezahlen, doch ob der Mönchengladbacher Heinz-Harald Frentzen tatsächlich auf dem Circuit de Nevers beim Großen Preis von Frankreich an den Start gehen kann, hängt wie vor zwei Wochen in Silverstone am seidenen Faden. Teamchef Tom Walkinshaw konnte den Streit mit, zwischen und um verschiedene Investoren wohl immer noch nicht beilegen.

Kollege Niki Lauda hat ebenfalls jede Menge Sorgen bei Jaguar. Der Teamchef hat mit dem mitten in der Saison völlig überarbeiteten Rennwagen R 3 wenig Glück gehabt, auf Anhieb erlebte er eine Pleite. Die Personalfrage stellt sich daher langsam auch in der Chefetage des britischen Teams.

All? die Sorgenkinder haben daher im Augenblick in Prinzip nichts dagegen, dass Ferrari-Rot alles andere übertüncht. Mindestens bis Sonntagnachmittag, halb vier. Dann könnte mal wieder die deutsche Nationalhymne zu hören sein. Die wurde gestern während der Pressekonferenz schon mal probehalber eingespielt.

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