Im inländischen Filialgeschäft mangelt es bei den großen Geldhäusern an der Kundenorientierung
Wenn deutsche Bankvorstände ihren Lieblingsschlager anstimmen

Sobald die Vorstände deutscher Großbanken ihren Heimatmarkt betrachten, besinnen sie sich auf ihre Sangeskünste.

DÜSSELDORF. Kein Loblied fällt ihnen dann ein, sondern ein - bildlich gesprochen - garstiger Evergreen, der ungefähr folgenden Text hat: In Deutschland gibt es schrecklich viele Sparkassen und Genossenschaftsbanken, die große Marktanteile haben. Daher kommen die geplagten Großbanken auf einen grünen Zweig - was ist in der derzeitigen Branchenkrise besonders schlimm ist.

Die meisten ausländischen Bankchefs haben dieses Lied schon soweit verinnerlicht, dass sie einen weiten Bogen um den deutschen Markt machen. Eine Folge davon sind die zum Teil grotesk niedrige Börsenbewertung deutscher Finanztitel. Sie taugen im internationalen Vergleich nicht einmal mehr für den Wühltisch - selbst geschenkt zu teuer, winken potenzielle Aufkäufer ab.

Dabei ist die Deutsche Bank den Weg vielleicht schon am weitesten gegangen. Dort wurde auch das Filialgeschäft im Inland auf Vordermann gebracht. Die Commerzbank hat diese Aufgabe noch vor sich. Da hilft es wenig, dass sie einen extrem günstigen Einstiegskurs bietet. Und bei der Hypo-Vereinsbank sollte man abwarten, wie der neue Chef Dieter Rampl, die Sache anpackt.

Wer das Klagelied oft genug gehört hat, dem stellen sich irgendwann aber einige Fragen. Zum Beispiel: Wie kommt es eigentlich, dass Sparkassen und Genossenschaftsbanken eine so starke Konkurrenz für die Großbanken darstellen? Wenn staatliche Institute mit derartigem Erfolg den großen Banken das Wasser abgraben, dann ist am Sozialismus vielleicht doch etwas dran.

Der Sparkassensektor bekommt durch die staatlichen Garantien billiger an Geld, sagen die Privatbanken. Mag sein, aber dafür ist ihm die Börse als Mittel zur Kapitalbeschaffung verschlossen. Außerdem gilt dieses Argument nicht für die Genossenschaften. Nächster Einwand: Staatlichen oder genossenschaftlichen Häusern kommt es nicht so auf die Rendite an, deswegen können die mit niedrigeren Margen arbeiten. Das mag im Einzelfall stimmen, aber auch Genossen erwarten ebenso wie Aktionäre eine Verzinsung ihre Einlage und es gibt hoch profitable Sparkassen. Das drückt sich nicht immer in hohen Bilanzgewinnen aus. Oft findet der Gewinntransfer indirekt über stattliche Spenden und Stiftungen statt.

Nicht zu übersehen ist auch, dass die Welt der Sparkassen und Genossen ein Dschungel mit Unmengen von selbstständigen Unternehmen und verschiedenen Hierarchieebenen ist. Dazu kommt ein beeindruckendes Verbandswesen mit hohen Personalzahlen - und das muss ja auch finanziert werden.

Demgegenüber müssten sich die privaten Banker doch eigentlich durch schlanke und effiziente Organisation und besondere Kundenorientierung auszeichnen. Die Realität sieht anders aus: Viele Kunden fühlen sich bei der Sparkasse oder einem Genossenschaftsinstitut wohler, weil sie die kurzen Entscheidungswege schätzen.

Ein modernes Institut müsste die Vorteile der Großbanken und die Sparkassen in sich vereinen: schlagkräftige Kapitalbasis, starke und schlanke Zentralbereiche, bei allem, was den Kunden angeht, aber ein hohes Maß an dezentraler Eigenverantwortung. Dazu bräuchten die Banken eine echte Marktorientierung, die von der Einstellung getragen ist, dass der Kunde König ist, man ihm dafür aber möglichst viel verkaufen muss. Sind Deutsche & Co. schon in dieser neuen Welt angekommen? Die Frage kann sich jeder selbst beantworten, der hin und wieder eine ihrer Filialen besucht.

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