Im internationalen Vergleich steht Deutschland nicht schlecht da
Der Gegenwind für Gründer flaut ab

Es geht langsam bergauf - so lautet die Diagnose von Experten und Wissenschaftlern über das Gründerklima in Deutschland.

Jochen Struck formuliert es spitz. "Wenn sich selbst ein Babysitter heute als Dienstleister und als Entrepreneur versteht, haben wir eine Menge erreicht", sagt der Leiter der Markt- und Mittelstandsforschung der Deutschen Ausgleichsbank (DtA). Sein Ziel: "Erst wenn die Selbstständigkeit eine selbstverständliche Alternative ist, müssen wir uns über das Gründungsgeschehen in Deutschland keine Gedanken mehr machen." Das Gründerklima könnte besser sein. Aber viel hat sich schon getan, trotz Ende des New Economy-Booms, so lautet das Fazit von Experten.

Das Unternehmerbild in der Öffentlichkeit zum Beispiel ist besser geworden, wie auch das 5. Forum Gründungsforschung, die interdisziplinäre Jahreskonferenz des Förderkreises Gründungs-Forschung FGF, jüngst bestätigte. Nicht nur die Politik sei positiv gestimmt, auch die Gesellschaft habe sich insgesamt stärker geöffnet - nicht zuletzt durch die 42 neu geschaffenen Lehrstühle für Entrepreneurship. Dennoch: "Eine Kultur der Selbstständigkeit hat sich nicht etabliert, so lange nur wenigen High-Tech-Unternehmen ans Leben geholfen wird, einer Vielzahl von Kleinunternehmen hingegen nicht", kritisiert Struck. Zweifelsohne schaffe jedes neue High-Tech-Unternehmen zahlreiche Arbeitsplätze. In der Masse betrachtet stünden die Kleinunternehmen dem aber in nichts nach.

Im internationalen Vergleich steht Deutschland nicht schlecht da

Im internationalen Vergleich der Gründungsaktivitäten steht Deutschland nicht schlecht da. Das zeigt auch eine aktuelle Gründungsklima-Studie des Betriebswirtschaftlichen Instituts für empirische Gründungs- und Organisationsforschung (bifego). Die Studie geht von einem volkswirtschaftlichen Gesamtüberblick aus, untersucht die sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen und befragt die Gründer selbst. Demnach liegt Deutschland in der EU mit einer Gründungsrate von zwölf Prozent an zweiter Stelle hinter Großbritannien mit 13 und vor Frankreich mit elf Prozent - und international auch vor den USA. Was den Gründungserfolg angeht, hält Deutschland aber die Spitze: So bestehen 60 Prozent der neu gegründeten Unternehmen auch noch nach fünf Jahren, während in den anderen Ländern oft nicht einmal jedes zweite Unternehmen überlebt.

Einen "leichten Anstieg" der Gründungen von technologie-orientierten Unternehmen prognostiziert auch Knut Koschatzky, Leiter der Abteilung Innovationsdienstleistungen und Regionalentwicklung des Fraunhofer Instituts Systemtechnik und Innovationsforschung. Ingenieure und Naturwissenschaftler, also potenzielle Gründer, verschwinden laut Koschatzky aber noch meist in Großkonzernen.

Und viele Jungunternehmer kommen nicht weit mit ihren Gründungs-Plänen. Ihr Hauptproblem liegt in einem mangelhaften Beratungs- und Finanzierungsangebot, wie erste Ergebnisse einer neuen DtA-Analyse "Entwicklung von Gründungsvorhaben", die im Frühjahr 2002 erscheinen soll, zeigen. Betrachtet werden darin die rund drei Prozent der deutschen Bevölkerung, die im Jahr 2000 beabsichtigten, innerhalb der nächsten zwölf Monate ein Unternehmen zu gründen. Eine repräsentative Umfrage unter ihnen ergab, dass mehr als ein Fünftel nach neun Monaten das Vorhaben ad acta gelegt hatte.

Informationen unüberschaubar

Die Befragten kritisierten die Unüberschaubarkeit an Informationen: Hatten sie sich an mehreren Stellen beraten lassen, überlappten sich die Auskünfte häufig, während wichtige Ratschläge ausblieben. Zudem fehlten vielen Beratern das Know-how. DtA-Abteilungsleiter Struck sieht hier den Bedarf einer "One-Stop-Agency" - einer Anlaufstelle, die umfassend Gründer mit allem relevanten Material versorgt. Entscheidender für die Aufgabe ihres Gründungsvorhabens war für weit mehr als ein Drittel aber, das notwendige Startkapital zusammen zu bekommen. "Sparkassen und Hausbanken tun sich zunehmend schwer, diese Klientel zu bedienen", sagt Struck. "Und die neuen Eigenkapitalrichtlinien für Banken, Basel II, könnten dieses Problem noch verschärfen."

Klaus Nathusius, FGF-Präsident und Geschäftsführer der ältesten deutschen Venture-Capital-Gesellschaft Genes GmbH, sieht Basel II dagegen als "große Chance für eine Neustrukturierung". Unternehmen, die sich traditionell durch Kreditinstitute finanziert hätten, müssten nun ihr Eigenkapital aufstocken, indem sie Anteile an andere Unternehmen abgäben. "Das macht sie aber auch stärker, weil sie von Banken unabhängiger sind", ist Nathusius überzeugt.

Auch Kleinunternehmer sieht Nathusius nicht im Nachteil. Sein Vorschlag: "Die sollen sich einen Partner suchen oder Eigenkapital in der Familie beschaffen." In der Konsequenz würden die Unternehmen insgesamt stabiler: "Falls eine Krise kommt, steht der Unternehmer nicht direkt vor der Frage der Insolvenzanmeldung." Ohnehin sei mehr Stabilität bei zukünftigen Unternehmensgründungen zu erwarten. Dazu habe nicht zuletzt die Dotcom-Krise beigetragen: "Alle hatten ihr gutes Benehmen vergessen. Da war die Unerfahrenheit der Gründer. Da waren die Wagniskapitalgeber, die zu viel Geld in die Startups investiert haben. Und da waren die Banken, die junge Unternehmen ungenügend vorbereitet an die Börse gebracht haben." Der untere Wendepunkt einer Lernkurve sei jetzt aber erreicht. Nathusius ist sicher: "Wir treffen uns wieder. Aber auf höherem Niveau."

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