Im kommenden Jahr könnte es neue Arbeit geben
Der Kraftakt des Künstlers

Keiner bereitet sich so akribisch vor wie Schach-Weltmeister Wladimir Kramnik, der im letzten WM-Kampf doch noch seinen Titel verteidigt.

BRISSAGO. Wladimir Kramnik streckte die rechte Faust in die Höhe. Mit eindrucksvollen Manövern hatte der Schach-Weltmeister den König seines Gegners Peter Leko in ein Mattnetz getrieben und damit in der letzten Partie den zur Titelverteidigung notwendigen 7:7-Ausgleich erzielt. Kramnik habe "brillant gespielt", sagte der enttäuschte Leko. In der 14. Partie des WM-Zweikampfes schaffte Kramnik durch einen Sieg nach 41 Zügen noch den Gleichstand.

Kramniks Sieg in der letzten Partie kam überraschend. Einen solchen Kraftakt hatten ihm nur noch wenige zugetraut. Von jeher gilt der 29-Jährige als Künstler. Er bevorzugt langfristige strategische Lösungen, meidet den Schlagabtausch. Aufgewachsen ist Kramnik in Tuapse am Schwarzen Meer. Seine Mutter ist Musiklehrerin, der Vater Maler und Bildhauer. Er brachte Wladimir schon als Vierjährigem das Schachspielen bei. Als Drittklässler gewann er die Erwachsenenmeisterschaft der Region Krasnodar. Mit elf kam er in die berühmte Botwinnik-Schachschule, die damals von Weltmeister Garry Kasparow mitgeleitet wurde. Als der alte Botwinnik nur fünf Partien Kramniks nachgespielt hatte, entschied er: "Diesen Jungen müssen wir unbedingt aufnehmen."

Mit seinem Sieg über Kasparow, in London 2000, stand Kramnik dann selbst in einer Reihe mit den Heroen der Schachgeschichte. Weltmeister zu sein, habe sein Leben vollkommen verändert, sagt Kramnik, der heute in Moskau lebt. "Mit einem Mal spürte ich eine tonnenschwere Last auf meinen Schultern." In jedem seiner Züge schien plötzlich Verantwortung mitzuschwingen. Verantwortung, die ein Weltmeister zu tragen hat. Verantwortung im Hinblick auf die Schachgeschichte - und auf die Zukunft. Mit den Visionen eines Schachweltmeisters, so Kramnik, entwickele sich das Spiel. Als Kind hätten ihn die Partien des dritten Weltmeisters José Raoul Capablanca gefallen, später die von dessen Nachfolgers Alexander Aljechin. Ein Zeit lang war Bobby Fischer sein Lieblingsspieler. Und dann war er selbst Weltmeister.

Er arbeitet viel für diesen Erfolg. Er kann wie alle großen Spieler mühelos blind analysieren, und er lässt analysieren. In Brissago hatte er unter anderem die Hilfe seiner Landsleute Peter Swidler und Jewgeni Barejew in Anspruch genommen. Die beiden Weltklassespieler blieben die ganze Zeit über im Hotel und feilten an Eröffnungen. Erst zur letzten Runde kamen sie in das Centro Dannemann und genossen das Spiel ihres Arbeitgebers bei einem Glas Rotwein. "Keiner ist so vorbereitet wie Wladimir, eine ganze Fabrik arbeitet für ihn", sagt Leko.

Im kommenden Jahr könnte es neue Arbeit geben. In einem Vereinigungsmatch der beiden zerstrittenen Schachverbände könnte Kramnik dann auf seinen alten Rivalen Kasparow treffen. Doch Letzteren fürchtet Kramnik ja inzwischen weniger als Leko.

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