Im Kriegsgebiet werden die Medien streng kontrolliert
In Afghanistan tappen die Journalisten ins Nachrichtendunkel

Anreisende Journalisten tappen fast ebenso im Nachrichten-Dunkel wie 15-jährige Kalaschnikow-Kämpfer: Immer neue Generäle geben an den unterschiedlichen Fronten der Nordallianz immer andere Erklärungen ab, wann denn ihre Offensive nun beginne.

DASCHT-I-QALA. "Bõa tarde, Portugal!" Das "Guten Abend, Portugal!" geht Nasadin nur schwer über die Lippen. Der schmächtige Junge, der mit seiner Kalaschnikow über der Schulter im Schützengraben an der Front in Nordafghanistan steht, kann nicht lesen und schreiben. Fremdsprachen schon gar nicht. Als nach mehrfachen Sprechversuchen des Grußes nach Südeuropa die Korrespondentin des Lissabonner TV-Kanals auch noch eine Frage stellt, die der Ziegenhirte mit Maschinenpistole so gar nicht verstehen will, dreht er sich weg. Was sich der Junge, mit 15 Jahren der Jüngste der bewaffneten Bauern an der Front am Koktscha-Fluss, von Portugal als Hilfe wünsche, hatte die Medienfrau wissen wollen.

Der von Hirten zum Soldaten umgerüstete Junge hat sich freiwillig an die Front der Nordallianz genannten afghanischen Anti-Taliban-Koalition gemeldet, nachdem die militanten Koranschüler seinen Vater und Onkel bei Überfällen auf die Kleinstadt Dascht-i-Qala ermordet hatten. Seine staubige Bergwelt am kleinen Fluss hat Nasadin aber noch nie verlassen. Portugal kennt er ebenso wenig wie die USA, die seiner Allianz jetzt angeblich mit Luftschlägen auf Militäransammlungen der Taliban den Weg frei bomben zu einem langerwarteten Bodenangriff der afghanischen Oppositionstruppen. Das immerhin habe er aus einem der allgegenwärtigen kleinen Radios gehört, über die die Kämpfer verfügen und auch aus dem Funkgerät seines vollbärtigen Kommandeurs. Ob Washington denn dicht bei Moskau liege, woher die Panzer für seine Armee kämen, will der Knabe mit der landestypischen Pakul-Rundmütze auf dem Kopf wissen.

Die anreisenden Journalisten tappen fast ebenso im Nachrichten-Dunkel wie der 15-jährige Kalaschnikow-Kämpfer: Immer neue Generäle geben an den unterschiedlichen Fronten der Nordallianz immer andere Erklärungen ab, wann denn ihre Offensive nun beginne. Geschehen ist bisher außer ein paar Stellungsfeuerwechseln wie in Dascht-i-Qala nichts. Und die Generals-Inflation grassiert: So nennt sich an den Fontabschnitten fast schon jeder Panzerfahrer.

Das Informations-Vakuum wird noch verheerender dadurch, dass selbst an den Massensammelpunkten der internationalen Medien wie Chodscha-Bahauddin (dem Militärhauptquartier der Nordallianz) oder in Jabal Saraj (am Eingang zum Pandschirtal, nur 60 Kilometer von der Hauptstadt Kabul entfernt) die politischen Führer der Taliban-Gegner keine Nachrichten verbreiten: "Eine Pressekonferenz gibt es nur wenn Doktor Abdullah Abdullah, unser Außenminister, nach Chodscha-Bahauddin kommt. Wenn nicht, dann nicht", wies das "Außenministerium" Informations-Anfragen sogar am ersten Tag der US-Bombardements auf afghanische Städte zurück.

Eher zur Verwirrung tragen dafür die "Sprecher" der Nordallianz bei, die in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe, in Form des "offiziellen Sprechers" Mohammed Ashraf Nadeem, und als Botschafter der bis heute anerkannten Islamischen Republik Afghanistan in einigen Ländern sitzen. Die Meinungsvielfalt unter ihnen ist so bunt gestreut wie das Bündnis gegen die Taliban breit ist. Nur meist haben sie keine direkten Informationen von Frontabschnitten oder ihre Aussagen widersprechen sich.

Statt Informationen gibt es Kontrolle: Im von Lehmmauern umstandenen einstöckigen Gebäude des "Außenministeriums" der Nordallianz müssen sich Journalisten registrieren lassen. Sie hatten aber ohnehin nur mit dem offiziellen Segen der Nordallianz-Botschaft in Duschanbe hierher kommen können, nachdem sie nach tagelangem Anstehen schließlich Visum und Hubschrauber-Flug oder Genehmigung zur Anreise an die Grenze per Auto bekommen hatten. Doch ohne Papier des "Sekretärs des Außenministeriums" darf man nicht an die Front, nicht einmal Interviews in der Kleinstadt führen. Dafür sind auch nur ausgewählte Dolmetscher zugelassen, die nach langem Meckern über unzureichende Übersetzung manchmal kleinlaut eingestehen, nicht alles aus dem Dari - einem afghanischen Persisch-Dialekt - übersetzen zu dürfen.

Das alles müsste für Journalisten dazu führen, Informationen noch stärker als üblich zu hinterfragen. Angesichts der enormen Nachfrage nach Beschreibungen und Bildern aus dem Kriegsgebiet unterbleibt das mitunter. Die Folge: Über immer mehr Kanäle flimmert Unterhaltung statt Information. "Bõa noite - Gute Nacht, Portugal!"

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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