Im Nahen Osten eskaliert der Anti-Amerikanismus
Die Araber entdecken in der US-Politik viel Doppelmoral

Mal zeigt sich Anti-Amerikanismus versteckt, mal offen. Versteckt, wenn ein jordanischer Taxifahrer an der Windschutzscheibe einen Aufkleber anbringt, auf dem zum Boykott amerikanischer Produkte gefordert wird. Offen, wenn der eigentlich moderate arabische Gesprächspartner den US-Imperialismus geißelt und Israel als 51. Staat der USA bezeichnet.

HB LONDON/AMMAN. "Natürlich haben wir hier Anti-Amerikanismus", sagt Salameh Nematt, Büroleiter der einflussreichen Zeitung "Al Hayat" in Amman. "Aber nur in einem politischen Sinn, nicht in einem kulturellen", versucht er zu präzisieren.

Einen Schritt weiter geht Abdel Bari Atwan: Der Hass auf die Amerikaner, die Verbitterung und Frustration sei auf einem Höhepunkt, sagt der Chefredakteur der in London herausgegebenen arabischen Zeitung "Al-Quds". Wohlgemerkt: Beide Journalisten sind keine religiösen oder kulturellen Fundamentalisten, sondern aufgeklärte, moderne Araber, die die amerikanische Gesellschaft, ihre demokratische Verfassung, die Menschenrechte bewundern. Aber genau das ist es, was die Amerikaner Atwan zufolge der Region verweigert haben. "Wenn wir Demokratie hätten, dann gäbe es keinen Osama bin Laden, dann gäbe es diesen ganzen Extremismus nicht."

Tatsächlich trennen die meisten Menschen zwischen den USA als politischer Supermacht und dem "American Way Of Life". Für viele Araber ist eine Emigration oder zumindest ein längerer Aufenthalt in den USA ein Lebensziel. Dass dieselben Personen aber gleichzeitig die US-Außenpolitik verurteilen, ist nicht unbedingt ein Widerspruch. "Die Menschen machen eben einen Unterschied zwischen der Nahost-Politik Washingtons und den Anschlägen in den USA am 11. September", sagt Nematt. In eben dieser Nahost-Politik der USA liege der Kern für die aktuelle Woge des Anti-Amerikanismus. Keine US-Regierung zuvor habe sich so eng mit Israels Führung unter Ariel Scharon identifiziert wie jene von George W. Bush.

Israelische Vergeltungsaktionen für palästinensische Selbstmordattentate wie die Besetzung großer Teile des Westjordanlandes und insbesondere der Stadt Dschenin im April werden direkt der Verantwortung der USA zugerechnet. "Was damals geschah, ist für viele Palästinenser ihr 11. September", sagt Nematt.

Atwan registriert eine tiefe Verbitterung darüber, dass Präsident Bush Israel grünes Licht für die Wiederbesetzung des Westjordanlandes und des Gazastreifens gegeben hat. Die Geschichte der US-Nahostpolitik nennt er eine Serie von Täuschung und Verrat. Sie beginne 1967, als sich die USA auf die Seite Israels geschlagen hätten, anders als 1956, als Washington Israel zum Rückzug aus dem Sinai zwang. Beim Golfkrieg 1991 habe man den Arabern die Lösung des Palästinenserkonflikts versprochen, doch nicht einmal die wenigen Zusagen des Osloer Abkommens seien verwirklicht worden. Daher hält Atwan eine Neuauflage einer Koalition gegen Saddam für ausgeschlossen.

Übereinstimmend kritisieren Atwan und Nematt, dass Bush der Haltung Scharons folge und die palästinensischen Selbstmordattentäter mit den Attentätern des 11. September auf eine Stufe stelle. In der Konsequenz sollten damit die Aktionen Israels mit dem Anti-Terror-Krieg der USA vergleichbar sein. "Doch wurde vergessen, dass Israel fremdes Land besetzt hält - anders als die USA", erklärt Nematt.

Die Nahost-Politik bringt den ansonsten kühlen Journalisten Nematt in Rage: "Wenn es legitim war, 1991 den Irak aus Kuwait zu vertreiben, warum gilt dieses Recht dann nicht auch für die Palästinenser?" Auch hierzu gebe es eine Uno-Resolution aus dem Jahre 1967, nach der sich Israel aus den besetzten Gebieten zurückziehen müsse: "Das ist doppelte Moral und Heuchelei der USA.".

Eine Doppelmoral werfen beide Araber den USA auch bei ihrem Einsatz für Demokratie und gegen Korruption vor. "Überall in der Welt haben die Amerikaner die Demokratie unterstützt, nur nicht im Nahen Osten. Ihre engsten Verbündeten in dieser Region sind korrupte Diktatoren." Mit seiner kleinen, aber einflussreichen und von arabischen Ölgeldern unabhängigen Zeitung hat Atwan von London aus konsequent Korruption im Nahen Osten angeprangert, auch bei der palästinensischen Selbstverwaltung. Da liegt seine Frage an die Amerikaner nahe: "Warum fordern sie die Reform der palästinensischen Regierung, aber nicht die der saudi-arabischen Königsfamilie?" Auch den Krieg gegen Bagdad wolle Bush nicht führen, um dem Irak Demokratie zu bringen, "sondern um die Kontrolle über das Öl wieder herzustellen".

In den Ärger über die Nahost-Politik mischt sich aber auch ein Gefühl der Unterlegenheit. "Heute ist es einfach, den Kolonialismus und die Dominanz der USA für die eigene Rückständigkeit verantwortlich zu machen", sagt Nematt selbstkritisch. Nach Atwans Einschätzung argumentiert aber nur eine ganz kleine Minderheit in der arabischen Welt dafür, die Niederlage einzugestehen, die Geister der Vergangenheit zu exorzieren und die Verbitterung und das arabische Unterlegenheitsgefühl zu überwinden. Und jene, die nun "die weiße Flagge hissen wollen", würden keinen Zulauf bekommen.

Atwan: "Die Masse der Araber glaubt, dass man den Amerikanern zeigen muss, was für ein blutiges Geschäft es ist, sich in die Angelegenheiten anderer einzumischen. Vielleicht sind wir geschlagen, aber wir werden die Niederlage nicht akzeptieren."

Quelle: Handelsblatt

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