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Im Rennen um die Kanzlerkandidatur liegt Stoiber vorne

Im Unionslager wachsen die Zweifel an Merkels Wirtschaftskompetenz und Führungskraft. CDU-Mitglieder sehen laut einer Umfrage Schröder als Wahlsieger.

BERLIN. Auf die Frage aller Fragen reagiert CSU-Chef Edmund Stoiber entweder unwirsch oder mit nachsichtigem Lächeln. "Über die Kanzlerkandidatur wird erst im Frühjahr 2002 entschieden", wehrt der bayerische Ministerpräsident drängende Parteifreunde ebenso ab wie neugierige Journalisten.

Doch trotz der demonstrativen Gelassenheit hat der rastlose CSU-Vorsitzende in den letzten Wochen keine Gelegenheit ausgelassen, um sich von der konkurrierenden CDU-Chefin Angela Merkel spürbar abzusetzen. Wo immer es geht, präsentiert sich der bayerische Ministerpräsident auch außerhalb der weiß-blauen Landesgrenzen als selbstbewusster Führer des gesamten bürgerlichen Lagers in Deutschland. Dass seine CSU im Gegensatz zu der von Selbstzweifeln und Affären geplagten CDU der eigentliche Motor des Unionsschiffes ist, lässt Stoiber stets offen durchblicken. Auch seine häufigen Auslandsreisen - zuletzt in den Nahen Osten - werden im Konrad-Adenauer-Haus aufmerksam registriert. "Der läuft sich warm für die Kanzlerkandidatur", lautet das allgemeine Urteil in der Berliner Unionsfraktion.

Dass auch weite Teile der CDU lieber Stoiber als Merkel in der Rolle des Herausforderers von Bundeskanzler Gerhard Schröder sehen, bestätigt eine gestern veröffentlichte Forsa-Umfrage. Danach sprechen sich 61 % der CDU-Mitglieder für Stoiber aus und nur 23 % für Merkel. Besonders kritisch bewerten die CDU-Anhänger Merkels mangelnde Kompetenz in Wirtschaftsfragen. Rund 77 % der Befragten sehen Stoiber bei diesem Thema vor der CDU-Vorsitzenden. Noch deutlicher fällt das Urteil über die Führungsqualitäten der beiden Parteichefs aus. Während nur acht Prozent diese Eigenschaft mit Angela Merkel verbinden, votieren 88 % für den bayerischen Ministerpräsidenten als führungsstarken Politiker, der das eigene Lager motiviere. Auch über die Parteizugehörigkeit hinaus sehen die Bürger in Stoiber den besseren Herausforderer, wie eine Emnid-Umfrage ergibt. Für den CSU-Chef votieren 48 %, für seine Amtskollegin von der großen Schwesterpartei nur 30 %.

Die Zweifel an der Führungskraft von Merkel werden auch im Kreis der Unionsabgeordneten immer lauter. Der Abwärtstrend für Merkel begann mit dem Rentenplakat und ist mit der neuen Spenden-Million von Walter Leisler Kiep noch nicht beendet.

Bedenklich für beide ist allerdings die Tatsache, dass selbst CDU-Mitglieder kaum noch an einen Sieg der Union bei der Bundestagswahl 2002 glauben. Nur sechs Prozent trauen Merkel einen Vorsprung gegen Schröder zu, bei Stoiber hoffen immerhin 22 % auf einen Erfolg. Allerdings sehen rund 44% der CDU-Mitglieder Bundeskanzler Schröder als Wahlsieger. Dennoch lässt sich Stoiber nach Ansicht seines Umfeldes davon nicht beeindrucken. Der "Chef" habe begriffen, dass er mit einem achtbaren Ergebnis auch als Verlierer der Bundestagswahl in Bayern keinen Schaden nehme. Der SPD ist Stoiber als Kandidat ebenfalls lieber: Mit dem Bayern wäre ein konfrontativer Wahlkampf möglich.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
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