„Im schlimmsten Fall droht Weltrezession“

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„Im schlimmsten Fall droht Weltrezession“

Der Vorsitzende des Sachverständigenrats, Wolfgang Wiegard, in einem Handelsblatt-Interview über Wachstumsprognosen und die Glaubwürdigkeit der Finanzpolitik in Zeiten des Krieges.

HB: Herr Professor Wiegard, bislang war die Hoffnung weit verbreitet, dass sich die Weltwirtschaft nach einem kurzen Irak-Krieg wieder rasch erholt. Teilen Sie diese Meinung?

Wiegard: Wenn der Krieg tatsächlich schnell zu Ende sein sollte, ja. Der zentrale Punkt ist die Entwicklung des Ölpreises. Wenn die Ölföderanlagen nicht zerstört werden, kann man nach einem schnellen Krieg davon ausgehen, dass der Ölpreis fallen wird - von fast 40 US-Dollar vor Kriegsbeginn auf 20 bis 22 US-Dollar. Das gäbe der Konjunktur einen gewissen Impuls. Dass der Krieg kurz sein wird, zeichnet sich allerdings im Moment ja eher nicht ab. Daher wird sich diese Hoffnung möglicherweise als trügerisch erweisen.

HB: Halten Sie in diesem Umfeld die Wachstumsprognose des Sachverständigenrates von 1,0 Prozent Wachstum für Deutschland in diesem Jahr noch für erreichbar?

Wiegard: Die 1,0 können noch erreicht werden, wenn wirklich sehr viel Positives zusammenkommt. Bei einem längeren Krieg ist das nicht mehr realistisch. Wenn der Ölpreis vier Quartale bei 35 statt den von uns unterstellten 25 US-Dollar liegen würde, wird das in den kommenden beiden Jahren jeweils 0,3 Prozentpunkte Wachstum kosten.

HB: Gerüchten zufolge hat der Sachverständigenrat seine Wachstumsprognose bereits gesenkt . . .

Wiegard: Nein, wir geben nur einmal im Jahr eine offizielle Prognose ab. Aber natürlich überlegen wir uns bei jedem Treffen: Ist die Prognose noch zu halten? Aber selbst wenn wir eher skeptisch sind, dann veröffentlichen wir in der Regel keine neue Prognose.

HB: Was ist, wenn der Krieg eskaliert?

Wiegard: Es kann zu einer Weltrezession kommen, im Worst-Case-Szenario - aber ich halte dies für ziemlich unwahrscheinlich.

HB: Was würde das aber für Deutschland bedeuten?

Wiegard: Wenn es tatsächlich zu einer Rezession in den USA kommen sollte, würde sich das auch auf Deutschland übertragen. Als Daumenregel kann man davon ausgehen, dass eine konjunkturbedingte Abnahme des Bruttoinlandsprodukts der USA um einen Prozentpunkt die Output-Lücke in Deutschland für die Dauer eines Jahres um 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte vergrößert. Dieser Effekt ist stärker als im sonstigen Euro-Raum. Zu erklären ist dies zum einen über den vergleichweisen hohen Exportanteil, zum anderen aber auch durch den dichten Unternehmensverbund zwischen den USA und Deutschland.

HB: Werden die Kosten des Krieges unterschätzt?

Wiegard: In jedem Fall sind die Ausgangsbedingungen für die USA wesentlich ungünstiger als nach dem ersten Golfkrieg. Ich denke, auf die USA wer-den wesentlich höhere finanzielle Belastungen zukommen. In heutigen Preisen hat der erste Golfkrieg rund 80 Milliarden US-Dollar gekostet. Aber davon sind nur vier Milliarden bei den USA hängen geblieben. Deutschland hat sich mit 8,4 Milliarden Euro beteiligt, Saudi-Arabien hat sich beteiligt, Kuwait und viele andere Länder. Dieses Mal wird der Großteil der Kriegskosten bei den USA hängen bleiben. Das wird die Haushaltsdefizite weiter in die Höhe schrauben. Die USA haben zusätzlich noch ein hohes Leistungsbilanzdefizit von fast fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

HB: Könnten diese beiden Defizite - im Haushalt und in der Leistungsbilanz - zu einem Problem werden?

Wiegard: Es kommt zu Problemen, wenn der Dollar weiter abwertet. Unsere Berechnungen zeigen: Wenn es zu einer plötzlichen Abwertung des Dollars um zehn Prozent kommt, sinkt bei uns die Zuwachsrate des realen Bruttoinlandsprodukts wegen der geringeren preislichen Wettbewerbsfähigkeit in zwei aufeinander folgenden Jahren jeweils um 0,2 Prozentpunkte.

HB: Wie wahrscheinlich ist es, dass sich diese Ungleichgewichte bald entladen?

Wiegard: Ich würde das nicht überbewerten, ich bin da nicht allzu pessimistisch. Allerdings halte ich die langfristigen Auswirkungen von Staatsverschuldung für das eigentlich Besorgnis erregende. Staatsverschuldung ersetzt ja nicht Steuererhöhungen, sondern verschiebt sie in die Zukunft auf künftige Generationen.

HB: Werden sich die USA als Lokomotive der Weltkonjunktur halten können?

Wiegard: Europa wird das trotz aller Bekundungen der Länder auf absehbare Zeit jedenfalls nicht werden. Deswegen bleibt das die Rolle der USA, das ist völlig klar. Daher wäre es fatal, wenn die USA in eine rezessive Entwicklung stürzen würden.

HB: Die politische Union der Europäer wird durch den Krieg auf eine harte Probe gestellt. Die Länder sind in Kriegsgegner und in Unterstützer der USA gespalten. Könnte die Union daran zerbrechen?

Wiegard: Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Was einen Stoß bekommen hat, ist die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik.

HB: Einige Volkswirte argumentieren, dass wegen der wachsenden Inflations- und Wachstumsunterschiede ein Ende der Währungsunion gar nicht so schlecht wäre . . .

Wiegard: Das würde ich nicht so sehen. Aber klar ist: Wenn die EU-Beitrittsländer dem Euro-Raum beitreten - frühestens 2007 - werden sich die Bedingungen für die Europäische Zentralbank (EZB) und die europäische Geldpolitik verschlechtern. Die strukturellen Inflationsunterschiede werden weiter zunehmen, und davon wird insbesondere Deutschland betroffen sein. Unter diesen ökonomischen Gesichtspunkten kommt die EU-Osterweiterung zu früh.

HB: Sollte die EZB die Leitzinsen nochmals senken?

Wiegard: Nein, im Moment sehe ich dafür keine Notwendigkeit. Angesichts der gegenwärtigen Unsicherheiten ist eine abwartende Haltung angemessen. Allerdings hat die EZB durchaus noch Spielraum, wesentlich mehr als die US-amerikanische Notenbank.

HB: Wirkt die Geldpolitik trotz der geopolitischen Unsicherheiten überhaupt noch?

Wiegard: Grundsätzlich kann die Geldpolitik die wirtschaftliche Aktivität leichter bremsen als anschieben. Das gilt auch jetzt. Zudem haben sich die Bedingungen für die Geldpolitik verändert, aber sie ist nicht bedeutungslos geworden. Die Banken kämpfen mit faulen Krediten und haben ihre Kreditvergabe eingeschränkt. Auch haben wir nun die Diskussion bekommen, ob Banken die Leitzinssenkungen überhaupt noch weitergeben. Langfristig wirkt die Geldpolitik aber noch.

HB: EU-Wirtschaftskommissar Pedro Solbes hat den Krieg als außergewöhnliches Ereignis charakterisiert und den Staaten der Euro-Zone in Aussicht gestellt, dass sie die im Maastrichtvertrag vorgesehene Defizitobergrenze von drei Prozent des BIP überschreiten dürfen. Was halten Sie davon?

Wiegard: Das finde ich etwas voreilig. Im Pakt steht, dass der Referenzwert vorübergehend und ausnahmsweise bei außergewöhnlichen Ereignissen, die sich der Kontrolle der Mitgliedstaaten entziehen, überschritten werden darf. Allerdings muss das Ereignis zu erheblichen finanziellen Belastungen der Haushalte geführt haben. Zumindest jetzt zeichnet sich aber noch nicht ab, in welcher Höhe sich Deutschland an den Kriegsfolgekosten beteiligen wird. Das jetzt schon als Entschuldigung für das Überschreiten der Defizitgrenze zu nehmen, geht mir etwas zu schnell.

HB: Sollte um jeden Preis an der Defizitgrenze festgehalten werden?

Wiegard : In der jetzigen wirtschaftlich angespannten Situation ist es sicher nicht vernünftig, sich prozyklisch zu verhalten. Andererseits steht die Glaubwürdigkeit der Finanzpolitik auf dem Spiel, wenn man den Stabilitätspakt bei der ersten wirklichen Belastungsprobe außer Kraft setzt. Das könnte sich negativ auf den Außenwert der Währung auswirken. Die Drei-Prozent-Grenze wird dieses Jahr allerdings voraussichtlich ohnehin nicht zu halten sein; man wird dann allerdings die im Stabilitätspakt vorgesehene Strafe akzeptieren müssen. In ruhigen Zeiten sollte man die Regelungen des Pakts aber mal überdenken.

HB: Wird die deutsche Exportwirtschaft durch die Spannungen im deutsch-amerikanischen Verhältnis in die Krise geraten?

Wiegard: Das eine oder andere Unternehmen wird vielleicht vorübergehend Probleme bekommen. Sicherlich wird die Auftragsvergabe im öffentlichen Bereich, zum Beispiel in der Luftfahrtindustrie, darunter leiden. Es könnte aber auch sein, dass die USA versuchen, die Vereinten Nationen doch wieder einzubinden, insbesondere, wenn die Kriegsfolgekosten doch höher ausfallen. Dann wird sich das Verhältnis auch wieder entspannen.

HB: Ist die neue US-Außenpolitik eine Gefahr für die Globalisierung? Nach dem Irak können andere "Schurkenstaaten" ins Visier der USA geraten und Turbulenzen an den Kapitalmärkten auslösen . . .

Wiegard: Die Angst vor Terror und Unsicherheit wird auch nach Kriegsende bleiben. Die USA betreiben eine Politik, die auf Unilateralismus hinausläuft. Das könnte Konsequenzen haben im Rahmen der Welthandelsorganisation oder bei Handelsliberalisierungen. Insgesamt könnte das den freien Welthandel beeinträchtigen und zu Wohlfahrtsverlusten führen. Denn dann würden die Risikoprämien für internationale Investitionen steigen, und gleichzeitig könnten die Zuwachsraten des Welthandels abnehmen. Ob sich die US-Außenpolitik wirklich so weiterentwickelt, muss man erst mal abwarten - und es bleibt abzuwarten, ob Bush wiedergewählt wird. Noch lautet das offizielle Credo der US-Politik auf eine Liberalisierung des Handels.

HB: Aus dem Pentagon kommen doch aber derzeit andere Töne . . .

Wiegard: Sagen wir es mal so: Mir ist es ganz lieb, dass Rumsfeld nicht Wirtschafts- oder Finanzminister ist.

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