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Im Theater des Terrors

Die Terroristen tragen Kalaschnikows und haben das Gebäude vermint. Sie sagen, der Tod sei ihnen willkommen. Etwa 600 Geiseln bangen am Abend noch um ihr Leben - nur Putin kann helfen.

Das Drama beginnt mit dem zweiten Akt, 21.05 Uhr Ortszeit. "Ich stand in der Kulisse und wollte gerade heraustreten. Der berühmte Flieger Tschalow war auf der Bühne erschienen, und die Komparsen sollen rufen: ,Er wird uns helfen, er wird uns helfen.? Doch statt der Rufe hörte ich Schüsse und sah eine Frau mit Kurzhaarfrisur und einer Kalaschnikow in der Hand, die schrie: ,Alle hierher.? Erst dachte ich, was spielt die denn, dann rannte ich in den zweiten Stock in meinen Schminkraum", erzählt Artjomij Nikolajew, der im Musical "Nord-Ost" den Vater des Helden Alexander Grigorjew spielt.

Oben trifft er Mascha Schorstowa, die Hauptdarstellerin. Sie hatte alles über den kleinen Fernseher in ihrer Umkleide gesehen, der von der Bühne überträgt. Auch wie die Zuschauer in eine Männer- und Frauengruppe aufgeteilt und in die Foyers im ersten Stock gescheucht wurden. "Wir wussten sofort, wir müssen fliehen. Durch den Ausgang war zu gefährlich. So knoteten wir ein paar Kostüme zusammen und seilten uns aus dem Fenster ab."

"Sie schrien: ,Versteht ihr nicht, was hier los ist? Wir sind Tschetschenen. Es herrscht Krieg?, und forderten dann, dass die Russen ihre Armee aus Tschetschenien abziehen", sagt Mascha erschüttert, als sie aus dem Konzertpalast geflohen ist. Mit apathischer Stimme spricht die Schauspielerin in die Kameras. "Auf den Gängen kam es zu Schlägereien. Alles war voller Blut."

Die 40 bis 50, in Kampfanzüge gekleidete Terroristen, darunter ein Dutzend Witwen von getöteten Tschetschenen-Kämpfern, waren in mehreren Jeeps vorgefahren und in das fünfstöckige Gebäude im Südosten Moskaus eingedrungen, in dem gerade das populäre Musical "Nord-Ost" gegeben wurde.

"Sie sagten, ihre Familienangehörigen seien in Tschetschenien getötet worden, sie hätten nichts zu verlieren", berichtet die Kardiologin Maria Schkolnikowa über ihr Mobiltelefon bei einem Anruf in einem Fernsehstudio. Die Frauen hätten sogar Sprengsätze umgebunden, die sie "Gürtel der Mudschahedins" nennen. Sie selbst seien "Smertniki" - zum Tode Bereite.

Sie haben nur eine Forderung: Das Ende des inzwischen fast drei Jahre andauernden Krieges im Kaukasus. Die Entschlossenheit der Geiselnehmer scheint ähnlich groß wie die der Terroristen von New York am 11. September vergangenen Jahres. "Uns ist vollkommen egal, wo wir sterben. Wir haben uns Moskau ausgesucht zum Sterben, und wir nehmen alle Ungläubigen mit uns", sagen sie im Fernsehsender El-Dschasira aus Katar. Sie seien bereit, für die Unabhängigkeit ihrer Heimat zu sterben, versichern fünf Frauen in schwarzen Burkas. Über ihnen die in arabisch verfasste Losung "Allah ist groß". "Zum Tod zieht uns mehr als zum Leben", spricht ein junger Mann in die Kamera. Da ist es schon wieder Abend in Moskau geworden, die Geiselnahme dauert fast 24 Stunden, und nichts deutet auf eine Lösung hin.

Der 1 163 Plätze fassende Konzertsaal ist nicht voll besetzt, 711 Tickets sind für die Vorstellung verkauft, und etwa 150 Künstler und technische Mitarbeiter sind anwesend, als der Terrorangriff beginnt. In den oberen Etagen des fünfstöckigen Gebäudes hat am Abend aber der Kinderchor noch Probe. So geraten Gesangslehrerinnen und Chorknaben mit den Zuschauern in die Hände der Geiselnehmer: "Ich hätte heute auftreten sollen, doch ich hatte Probleme mit der Stimme. Deshalb hat mein Freund Dima für mich gesungen. Er ist noch da drin", weint Wolodja, 12, in die Kameras. Einige Dutzend Geiseln können flüchten. Andere, meist Frauen und Kinder, werden freigelassen.

"Meine Tochter Anna und meine Enkelinnen Ksjuscha und Nastja sind nicht dabei", sorgt sich Nadjeschda Michailowa. Die grauhaarige Frau hatte Abendessen zubereitet, als sie im Fernsehen die Tragödie sah. "Sie hatte einen Monat auf Karten gewartet und jetzt das. Ich habe solche Angst." Mit über hundert Moskauern harrt sie die Nacht über aus im Schneeregen vor der weiträumig abgesperrten Halle.

Derweil fahren immer mehr Laster mit Truppen der Innenbehörde und gepanzerte Fahrzeuge rund um das Gebäude auf. Scharfschützen nehmen auf den Dächern umliegender Gebäude ihre Stellungen ein.

Dann geht in dem Viertel das Licht aus, weil die Polizei auch die umliegenden Wohnhäuser evakuieren will. Panik macht sich breit. Die Terroristen schießen aus Fenstern des Musical-Hauses. Eine weibliche Geisel wird im Foyer von den Terroristen erschossen, als sie fliehen will, berichtet später der oberste Mufti der russischen Moslems, Rawil Gajnutdin. Die Leiche der 24-Jährigen wird, unter eine braune Decke gehüllt, gegen 17.30 Uhr der Polizei übergeben und auf einer Bahre in einen Krankenwagen geschoben.

Voller Panik rufen Geiseln in der Nacht immer wieder ihre Verwandten an. Sie sollen die Polizei davon abhalten, das Gebäude zu stürmen: "Hier sind Frauen, Kinder und Ausländer drin", sagt die Anruferin Tatjana Solnyschkina. "Stürmt das Gebäude nicht. Denn sie haben es vermint, in den Gängen ist Sprengstoff deponiert. Einigen Geiseln wurden auch Sprengsätze umgehängt. Es gibt ein Blutbad." Eine andere Stimme ist zu hören - "Wer ist da?" Dann reißt die Leitung ab.

Die Angehörigen stellen sich vor Fernsehkameras, um den die ganze Nacht in seinem Kreml-Büro ausharrenden Präsidenten Wladimir Putin zu erreichen: "Wir flehen Sie an, keinen Sturm zuzulassen. Wir Angehörigen haben hier alle unterschrieben, ich lese das in ihrem Namen vor", sagt eine etwa 30 Jahre alte Frau. Sie fügt noch an, "damit nicht gestürmt wird", bevor sie in Tränen ausbricht.

Die Nacht über, so lässt sich den Berichten der Eingeschlossenen entnehmen, findet kaum jemand Schlaf, Kinder weinen. Zu trinken gibt es erst am Morgen etwas, viele haben Hunger. Die Geiselnehmer lehnen das Angebot des Roten Kreuzes ab, Essen zu bringen. "Die Geiseln sind nervlich völlig fertig", berichtet die Herzspezialistin Schkolnikowa.

Die ausländischen Musical-Besucher - 75 sollen es nach letzten offiziellen Angaben sein - werden von den Russen getrennt. Hoffnung keimt auf am Morgen. "Wir bekamen einen Anruf der Geiselnehmer. Sie sagten, dass wir bis neun Uhr zum Kulturpalast kommen sollten, dann würden uns die Geiseln aus unseren Ländern übergeben", teilt der österreichische Botschafter Franz Cede mit. Da aber nicht alle geforderten Diplomaten gekommen seien, hätten die Terroristen sich anders entschieden, gibt ein Polizei-Sprecher später bekannt

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Gegen 14 Uhr ist die seit zwei Uhr nachts zwischen Geiselnehmern und Behörden herrschende Funkstille beendet. Der Sänger und Duma-Abgeordnete Iosif Kobson, zwei Rot-Kreuz-Vertreter und ein britischer Journalist dürfen in das Gebäude. Wenig später kommen sie wieder heraus und bringen zwei Mädchen, eine Frau mit einem Kleinkind im Arm und einen älteren Engländer mit. In ihren Gesichtern mischt sich Schock mit Erleichterung. Der leichenblasse Mann kommt wegen einer akuten Herzschwäche sofort ins Krankenhaus.

Ein Austausch von Geiseln gegen Abgeordnete lehnen die Terroristen ab. "Sie waren nicht einmal bereit, den Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow gegen Geiseln auszutauschen", berichtet Kobson. "Sie rücken von ihren Forderungen nicht ab und geben dem Kreml sieben Tage Zeit, seine Truppen aus Tschetschenien abzuziehen. Sonst sprengen sie sich mitsamt ihrer Geiseln in die Luft. Mit mir verhandelte eine Frau, die ihre Hand an einem Steuerpult hatte und sagte, sie könne alles hochgehen lassen." Sagt es und fährt in den Kreml, wo er Putin berichtet.

Auch mindestens drei Deutsche bangen um ihr Leben im Kulturpalast, andere Quellen gehen von sieben deutschen Geiseln aus. Seine 18-jährige Tochter, die in Moskau auf die deutsche Schule gehe, seine Nichte aus Sibirien und ein deutscher Mitarbeiter seiner Firma seien drin, sagt der Leiter des Moskauer Büros einer deutsch-schweizer Firma der Nachrichtenagentur dpa. Sein Name soll nicht genannt werden. "Ich habe gelegentlich telefonisch zu ihnen Kontakt."

Immer weniger Mitteilungen der Geiseln dringen nach draußen. Die Handy-Batterien gehen zu Ende, ein Ende des Dramas ist nicht abzusehen.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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