Im Themenpark geht es vor allem um Show-Effekte
Expo 2000: Große Themen und wenig Substanz

Die Expo ist auch eine Woche vor der Eröffnung noch eine Baustelle. Jetzt haben die Veranstalter einen ersten Blick in ihr Prunkstück, den Themenpark, erlaubt. Der erste subjektive Eindruck beim Rundgang durch die Hallen: Zu sehen gibt es eine Menge, zu denken dafür um so weniger.

HANNOVER. Wie eiförmige Findlinge sehen sie aus. Lautlos schweben sie durch das blauviolette Licht der Halle 4. Niemand steuert ihre Bewegung, und doch stoßen die 72 mit Elektronik vollgestopften Robo-Eier nie zusammen: Sie weichen einander aus - auch den Menschen, die sich zwischen ihnen bewegen - und finden stets wieder zu Schwärmen zusammen. Sie bilden ein Netzwerk, das auch die Besucher einbezieht: ein System völlig autonomer, aber interagierender und ein Ganzes bildender Teile. "Vernetzung", das allgegenwärtige Schlagwort, wird erfahrbar, und das auf eine höchst dekorative Art und Weise.

Die Ausstellung "Wissen - Information - Kommunikation", gestaltet vom Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie, hält nicht nur ästhetisch, sondern auch inhaltlich und konzeptionell, was sie verspricht. Doch das gilt nicht für alle Hallen des Themenparks der Weltausstellung. Hier bestimmt die Expo-Gesellschaft den Inhalt, und der klang zunächst höchst ambitioniert.

Kritiker befürchteten angesichts der schwergewichtigen Themen bereits ein Seminar der Erwachsenenbildung. Sie können beruhigt sein. Andere, die hofften, ein paar Zukunftsfragen beantwortet zu bekommen, müssen sich dafür auf Enttäuschungen gefasst machen: In den eindrucksvollen Kulissen verbirgt sich nicht selten Beliebiges und Banales.

Kein geringeres als das Thema "Mensch" hat man sich in Halle 7 vorgenommen. An Verpackung fehlt es nicht. Ein Schiffsbug empfängt die Besucher, nicht weit entfernt von der Originalgröße. Dahinter zeigen Würfel, jeder mit drei Metern Kantenlänge, dies und das, alles und jedes, viel und nichts. Drei Milliarden Stecknadeln scheitern an der Aufgabe, die Vielfalt menschlicher Gene zu symbolisieren. Ein Woody-Allen-Zitat schmückt das Ganze: "Mich erstaunen Menschen, die das Universum begreifen wollen, wo es doch schwierig genug ist, sich in Chinatown zurecht zu finden." Man verlässt die Halle mit Fragen wie "Was ist Zeit?" oder "Ist die Seele Teil der Hirnstruktur?". Die Antworten müssen irgendwo versteckt sein.

Hängende Paradiese und leuchtende Hieroglyphen

In Halle 9 gibt es einen "Planet of Visions" zu sehen. Ein kleines Paradies ist entstanden, mit Bäumen, die von der Decke herunterwachsen und Seen, in denen sie sich spiegeln. Alles ist sehr schön anzusehen, solange man sich nicht mit der Frage quält, was das alles soll. Hieroglyphen leuchten in den Wänden eines engen Tunnels, ehe der Besucher in eine riesige Halle entlassen wird mit dem Turm zu Babel, Robotern und überhaupt einem Sammelsurium gigantischer Aufbauten früherer Utopien. Die Visionen der Vergangenheit sind eben leichter darzustellen als die der Gegenwart.

Das wird in der Halle "21. Jahrhundert" in der Art einer Ausgrabungsstätte versucht. Der Besucher wandert durch die historischen Schichten von 2100 zurück in die Gegenwart. Es begleitet ihn eine "Journalistin", die ebenso virtuell auf Monitoren daherkommt wie vieles andere im Themenpark.

Menschen aus Fleisch und Blut gibt es im Bereich "Zukunft der Arbeit" in Halle 4 zu sehen: In einer Non-Stop-Tanzshow recken junge Menschen, gewandet in Blaumann und Business-Anzug, anmutig ihre Glieder. Begleitet werden sie von dem allgegenwärtigen synthi-soften Zukunftssound und Sprüchen über Globalisierung und Herausforderung und dergleichen. Wem nach Erkenntnissen verlangt, dem sind Monitore versprochen, auf denen in Interviewform verschiedene Erwerbsbiographien gezeigt werden. Die Bildschirme sollen bis zur Eröffnung an Ort und Stelle sein.

Spaß macht der Bereich "Ernährung" in Halle 6: Der katalanische Performance-Künstler Antoni Miralda hat nicht nur die Ausstellung entworfen, sondern auch seine weltweit einmalige Privatsammlung mitgebracht. In Dutzenden von Glasvitrinen sind die skurrilsten Dinge ausgestellt, die etwas mit Essen zu tun haben. Hinter einer verschlungenen Theke, dem so genannten "Infinity-Table", wird alles mögliche an Leckereien gekocht - allerdings vorerst nur zum Anschauen: Um die Besucher auch probieren lassen zu können, wäre eine Gaststättenlizenz von Nöten. Und die liegt noch nicht vor, sagte Themenpark-Chef Martin Roth. Vielleicht erlauben die Behörden, die zubereiteten Speisen in einem der Restaurants zum Verzehr anzubieten. Die Verhandlungen dauern noch an.

Am 1. Juni wird die Expo eröffnet. Noch immer ist nur bruchstückhaft erkennbar, wie der Themenpark in fertigem Zustand aussehen wird. In weiten Teilen der Hallen wird noch gesägt und genagelt, in anderen Bereichen konzentriert man sich bereits auf den Feinschliff. Die Leitung des Themenparks beteuert, man werde fertig werden - im Großen und Ganzen zumindest, von ein paar Details mal abgesehen. Vielleicht zeigt sich dann, dass der Themenpark seinen Namen in Wahrheit doch verdient.

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