Im Zeichen der „Entkunstung“
Documenta: Nur Altmeister sorgen für Lichtblicke

Kunst im Zeitalter der Globalisierung, Künstler aus wirklich allen Teilen der Welt - das soll erklärtermaßen die an diesem Samstag beginnende 11. Documenta bieten. Viel Neues hat sie jedoch nicht zu bieten.

dpa KASSEL. Die gern als "Weltkunstausstellung" apostrophierte Mammutschau breitet bis zum 15. September in Wahrheit nur die sattsam bekannten Tendenzen aus - auf so viel Fläche wie nie zuvor. Politisch überkorrekte Konzeptkunst, viele technisch unzulängliche Videos, mehr oder minder interessante "Kulturfilme" aus exotischen Gegenden oder stinknormale Fotoserien - das ist der Durchschnitt, den die meisten der 118 Ausgewählten aller Kontinente abgeliefert haben.

Kunstbegriff in Frage gestellt

Kunst um ihrer selbst willen bleibt so verpönt wie in den letzten Jahren, und wenn sie doch einmal "passiert", so ist es fast wider Willen. Vielmehr wird der Prozess der "Entkunstung", das Zurückdrängen traditioneller ästhetischer Werte vorangetrieben, wird der Kunstbegriff allenthalben "in Frage" gestellt, ohne dass klar erkennbar wäre, in welcher Weise und mit welchem Gewinn. Diverse Künstler scheinen dazu angetreten zu sein, alle Desaster der gegenwärtigen Welt in der Phase des Nachkolonialismus engagiert zu "bedenken" - eine maßlose Überforderung - und irgendwie ungelenk zu visualisieren.

Der diesjährige documenta-Kurator Okwui Enwezor, aus Nigeria stammend, aber seit langem in New York lebend, hat tatsächlich mehr als 40 Künstler aus der so genannten Dritten Welt aufgeboten. Aber fast alle sind auf die Zentren der "ersten" Welt bezogen, leben und arbeiten in New York, Paris oder London. Sind sie in ihrer Heimat geblieben, können sie gewöhnlich nur Folkloristisches beitragen wie Frédéric Bruly Bouabré von der Elfenbeinküste mit seinen wahnsinnig vielen postkartengroßen Erzählbildchen oder Georges Adéagbo aus Benin mit einen Sammelsurium von Votivtafeln, Fotos und Zeitungstexten - alles gruppiert um einen Einbaum und vier geschnitzte Säulen.

Kaum Erleuchtungen

Von daher oder von den Ansichtsfotos eines australischen Eingeborenen kann die Erleuchtung wohl nicht kommen, und auch die "politisch korrekt" arbeitende Künstlerfraktion, die etwa Folter und Völkermord anprangert, ist für ästhetischen Mehrgewinn nur ausnahmsweise gut. Mitunter geschieht es jedoch, dass Großfotos eine bestechende Präsenz haben und kompositorisch äußerst stimmig sind wie etwa Mauerbilder des Südafrikaners Santu Mofokeng. Und es ist dann ganz unerheblich, dass diese scharf ausgeleuchteten Mauern von Gefängnisinsassen errichtet wurden - man sieht es ihnen nämlich nicht an.

Was die Videokunst wirklich vermag - und was fast nie erreicht wird -, zeigt überzeugend der Südafrikaner William Kentridge, ein alter Bekannter in Kassel. Seine auf einen Roman von Italo Svevo bezogene Arbeit "Zeno erzählt" ist eine eindrucksvolle Montage aus Zeichentrick, Schrift und Dokumentarfotos, unterlegt mit tief anrührender Musik. Auch die in New York lebende Shirin Neshat liefert auf zwei korrespondierenden Leinwänden eine suggestive Videoarbeit um Bedrohung und Gefährdung ab.

Werke der Altmeister

Gäbe es dazu nicht die Arbeiten einiger "Altmeister", auf die Enwezor vernünftigerweise nicht verzichtet, so wäre die diesjährige documenta eine weitgehend öde Veranstaltung und keine Reise nach Kassel wert. Im neu hinzugekommenen riesigen Ausstellungsgebäude der Binding-Brauerei stößt man etwa auf Werke der 90-jährigen Louise Bourgeois: Neben Plastiken in Käfigen vor allem zahlreiche Zeichnungen, mal anmutig dekorativ, mal intensiv figürlich. Der 1922 geborene Amerikaner Leon Golub, auch er ein documenta-Veteran, hat seine politisch inspirierte Malerei zu mythologischen Tiefen vorangetrieben und zeigt richtig "schöne" Bilder - was eigentlich gar nicht sein darf.

Gemälde gibt es auch von dem Belgier Luc Tuymans, der blassfarbige und riesige "Idyllen" - wie er sie nennt - geschaffen hat. Blassblau in verschiedenen Anläufen ist auch der Versuch "Das Gemälde von innen betrachten" der Schwedin Cecilia Edefalk. Der in Japan geborene Zahlenmystiker On Kawara lässt aus einer Sprecherkabine Ziffern im Millionenbereich verlesen. Von der altbekannten Hamburgerin Hanne Darboven sind drei Stockwerke im Fridericianum mit gerahmten Zahlenkolonnen bepflastert.

Neben zwei "ausgekippten" kompletten Atelier-Inhalten - von dem schweizerischen Altmeister Dieter Roth (1930-1998) und dem 1921 geborenen Kroaten Ivan Kozaric - ist eine Art Materiallager des Iraners Chohren Feyzdjou (1955-1996) zu bestaunen. Dort riecht es zumindest stark nach Farbe - ein in Kassel sonst fast nicht wahrzunehmender Geruch.

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