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Im Zug nach Europa

Dass nichts so alt ist wie die Zeitung von gestern, kann man heute wieder einmal beim Blättern in den türkischen Gazetten feststellen.

Dass nichts so alt ist wie die Zeitung von gestern, kann man heute wieder einmal beim Blättern in den türkischen Gazetten feststellen. Gestern Horrorszenarien und Weltuntergangsstimmung: "Wiener Ranküne", "Österreich besteht auf Christenclub" und "Rückschlag für das Rendezvous der Kulturen", das waren die Schlagzeilen am Montag. Heute dagegen herrscht Hochstimmung im Istanbuler Blätterwald: "Hallo Europa" grüßt die auflagenstärkste Zeitung Hürriyet auf ihrer Titelseite. "Die Zivilisationen umarmen sich", schwärmt das Massenblatt Sabah: ein "neues Zeitalter" sei angebrochen. "Die Reise hat begonnen", titelt die liberale Zeitung Radikal. Und der prominente Kolumnist Mehmet Ali Birand bekennt: "Heute ist der schönste Tag meines Lebens!"

Der Streit der vergangenen Wochen, das Gewürge in Luxemburg, die Frustrationen, Zumutungen und Erniedrigungen: alles vergessen und vergeben. Auch die Politiker schwelgen. "Ein riesiger Schritt" sei die in Luxemburg doch noch gerettete Übereinkunft, "ein Sieg der Vernunft über die Vorurteile", sagt Ministerpräsident Tayyip Erdogan: "Damit bestärken sich unsere Hoffnungen auf einen globalen Frieden". Große Worte.

Vielleicht zu groß, Denn lange wird die Euphorie nicht anhalten. Das "Happy End", das die Zeitung Radikal heute bereits ihren Lesern meldet, liegt noch in weiter Ferne. Die Türkei könnte schon bald vom tristen Alltag der nun beginnenden Beitrittsverhandlungen eingeholt werden. Mehmet Ali Birand, der Kolumnist, ahnt: "Wir werden Krisen erleben, die uns wehmütig an jene zurückdenken lassen, die wir bereits hinter uns haben". Birand kennt sich aus in Brüssel, und er ist vertraut mit der Mentalität der türkischen Politiker. Er weiß: "Türen werden knallen, Tische werden verlassen". Sogar mit einer längeren Unterbrechung der Beitrittsverhandlungen müsse man rechnen. Am Ende aber werde alles gut, glaubt Birand: "Wir sind jetzt in den Zug zur EU eingestiegen. Und jedes Land, das diesen Zug bestiegen hat, ist nicht unterwegs sondern erst an der Endstation ausgestiegen, als Mitglied. So wird es auch die Türkei tun.&quo t;

Andere sind pessimistischer. "Sie werden uns nie aufnehmen", glaubt Emin Colasan, Kommentator der Zeitung Hürriyet. "Sie werden uns ausnutzen, sie werden uns erniedrigen, sie werden mit uns spielen und uns in 15 oder 20 Jahren schließlich zurückweisen", lautet Colasans düstere Prophezeiung.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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