Imagegewinn durch Segmentwechsel
Dem Neuen Markt laufen die Firmen davon

Dem von Skandalen heimgesuchten und seit Monaten auf Talfahrt befindlichen Neuen Markt kehren immer mehr Firmen freiwillig den Rücken zu. Viele Gesellschaften sehen sich in einem anderen Börsensegment inzwischen besser aufgehoben.

Reuters MÜNCHEN. Neben Kosteneinsparungen, die ein Listing am Geregelten Markt mit sich bringt, versprechen sich die Manager vor allem einen Imagegewinn. Nachlassendes Investoreninteresse befürchten die von der Nachrichtenagentur Reuters befragten Firmen-Chefs indes nicht. Eine Rückkehr an den Neuen Markt zu einem späteren Zeitpunkt schlossen sie nicht aus.

Fusionen, Delistings, Insolvenzen oder der freiwillige Segmentwechsel haben die Anzahl der am Neuen Markt gelisteten Firmen seit seiner Hochphase im Jahr 2000 mit einst über 340 Firmen auf derzeit 304 reduziert. Erst am Mittwoch kündigte das Index-Schwergewicht Broadvision seinen Rückzug an. CeoTronics gab einen Tag später seinen Segmentwechsel bekannt.

Segmentwechsel soll Imagegewinn bringen

Vor allem wegen des inzwischen schlechten Ansehens des Neuen Marktes will der Hersteller von Kommunikationssoftware Ceotronics an den Geregelten Markt wechseln. "Wir werden überall, besonders bei Kunden, angesprochen und in die kriminelle Ecke gestellt", sagte Vorstandschef Hans-Dieter Günther mit Blick auf die jüngsten Bilanz-Skandale der Firmen Comroad und Phenomedia. "Unsere Mitarbeiter werden gefragt, wann denn ihre Vorstände im Gefängnis landen, und wann unsere Bilanzen denn auffliegen würden." Von einem Segmentwechsel verspricht sich der Firmen-Chef vor allem einen Imagegewinn. "Wir wollen kein Delisting sondern ein seriöses Geschäftsumfeld, was unserem Status entspricht", sagte Günther. Davon erhoffe er sich, "dass die Ceotronics-Aktie vom Risiko-Papier zum sicheren Dividendenpapier wird". Sollte sich das Ansehen des einstigen Vorzeigesegments der Deutschen Börse wieder verbessern, schloss Günther eine Rückkehr nicht aus.

Auch Moritz Hunzinger, Chef des profitablen Kommunikationsdienstleisters Hunzinger Information AG, verspricht sich von einem Segmentwechsel neben Kosteneinsparungen von rund 500.000 Euro jährlich auch einen Imagegewinn. "Wir wollen nicht in einen Topf mit den jüngsten Skandalen wie Phenomedia oder Comroad geworfen werden", sagte Hunzinger. Auch ein nachlassendes Interesse seitens der Investoren könne er nicht erkennen. "Für ein so marktenges Papier interessiert sich sowieso niemand", sagte er und fügte hinzu: "Wenn sich jemand für unser Papier interessiert, ist es egal, ob wir am Neuen Markt oder Geregelten Markt notiert sind." Sollte sich das Klima am Neuen Markt wieder deutlich verbessern, schloss Hunzinger eine Rückkehr nicht aus.

Investoren konzentrieren sich auf einzelne Werte

Saltus-Chef Wolfgang Koll hat den Segmentwechsel bereits Ende Januar vollzogen und diesen Schritt bislang nicht bereut. "Aus unserer Sicht ist die Entscheidung richtig", sagte Koll. Der durch einige Skandale des früheren Managements in finanzielle Bedrängnis geratene Spezialist für Drehmomenttechnik und Präzisionsteile könne jährlich hohe Kosten einsparen, die bei einer Notierung am Neuen Markt anfielen. Der Wegfall beider Betreuerbanken (Designated Sponsor) wie auch die Quartalsberichterstattung setzten Gelder frei, sagte Koll. Nachlassendes Interesse seitens der Investoren habe er bislang nicht erkennen können. Eine Kapitalerhöhung sei angesichts der seit Monaten anhaltenden Talfahrt der Aktienmärkte derzeit weder am Geregelten Markt noch am Neuen Markt möglich. Eine Rückkehr an das deutsche Wachstumssegment schloss Koll indes nicht aus.

Auch Edel-Music-Chef Michael Haentjes sieht sich am Geregelten Markt gut aufgehoben. Neben Kosten seien auch viele zeitintensiven Aufgaben wie die Erstellung von Quartalsberichten oder das Abhalten von Analystenkonferenzen weggefallen. So könne sich das Management des Musikproduzenten wieder stärker dem operativen Geschäft widmen. Um das Interesse potenzieller Investoren auf sich zu ziehen, ist es nach Ansicht Haentjes irrelevant, an welchem Börsensegment die Firma notiert ist. "Die Investoren schauen sich einzelne Werte an", sagte er.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%