Immer die Hände oben halten
Folgen für U-Bahn-Grabscher in Japan

Eine Fahrt in Japans chronisch überfüllten U-Bahnen kann für Frauen zum Horrortrip werden. Eingequetscht zwischen anderen Fahrgästen können sie leicht Opfer von Grabschereien werden. "Chikan" ist ein so ernstes Problem in Japan, dass es inzwischen Bahnabteile nur für Frauen gibt. Doch sind nicht immer nur Frauen die Opfer, auch für Männer kann Bahnfahren in Japan zum Albtraum werden. Zunehmend kommt es zu Fällen, bei denen Männer zu Unrecht sexueller Belästigungen beschuldigt werden.

HB/dpa TOKIO. Es ist der 21. November 2000, als Hideki Kato die U-Bahnlinie Tozai in Tokio besteigt. Neben ihm im brechend vollen Abteil steht ein 13-jähriges Schulmädchen. Plötzlich fängt das Mädchen an, zu schreien und zu weinen. In dem Moment hält ihn ein Student fest und beschuldigt Kato, er habe das Mädchen während der Fahrt begrabscht. Trotz Beteuerungen, er sei unschuldig, nahm die Polizei Kato fest. Seine beharrliche Weigerung, sich schuldig zu bekennen, brachte dem heute 35-jährigen Japaner nahezu neun Monate Untersuchungshaft in der Einzelzelle ein.

Lange Zeit hatte die Polizei das "chikan"-Problem vernachlässigt. Sex-Videos mit U-Bahn-Grabschereien gehören in vielen Videotheken in Japan zum Standardangebot. Doch das Problem ist derart ernst, dass inzwischen hart dagegen vorgegangen wird. Das hat jedoch nach der Meinung von Kritikern und Betroffenen dazu geführt, dass praktisch jeder Mann, der der Grabscherei bezichtigt wird, in die Fänge der Justiz gerät. "Wenn eine Frau sagt, sie sei in der Bahn sexuell belästigt worden, führt dies fast hundertprozentig zur Verhaftung und Anklage des Beschuldigten", erklärt Kato.

Um bloß nicht verdächtigt zu werden, behalten manche Männer in den Zügen ihre Arme ständig oben. Er habe dem kleinen Mädchen schon allein wegen seiner Körpergröße von 1,80 Metern gar nicht unter den Rock greifen können, beteuert Kato. Er wirft Staatsanwaltschaft und Polizei vor, ihn fälschlicherweise verhaftet und Hinweise auf seine Unschuld unterschlagen zu haben. Obgleich er über Informationen verfüge, wonach Ermittler ihn für unschuldig hielten, wurde Kato in zwei Instanzen für schuldig befunden und zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt. Er selbst vermutet, dass der wahre Täter der Student sei, der ihn beschuldigte.

Der Prozess hat Katos Leben ruiniert. Er verlor den Arbeitsplatz und wohnt nach seiner Freilassung auf Kaution derzeit bei seinen Eltern, während sein Fall vor den Obersten Gerichtshof geht. Der Justiz wirft er eine Verletzung der Menschenrechte vor. Inzwischen gehört er einer Organisation von Männern an, die zu Unrecht sexueller Belästigungen in Bahnen beschuldigt wurden. Kenner des Problems sagen, um ihre Familie und Kinder vor gesellschaftlicher Stigmatisierung zu bewahren, bekennen sich beschuldigte Männer in Japan meist vor der Polizei schuldig und zahlen hohe Geldstrafen, andere gehen gar ins Gefängnis. Der unverheiratete Kato aber wandte sich an die Medien, um seine Unschuld zu beteuern und will weiter dafür kämpfen.

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