Immer mehr Amerikaner sehen die Beziehungen zwischen Administration und Wirtschaft kritisch
Vertrauenskrise belastet Bush-Regierung

Immer mehr US-Bürger kritisieren den Einfluss der großen Unternehmen auf die Regierung. Umfragen belegen: Während die Rolle des Öl-Managers George W. Bush durchaus skeptisch gesehen wird, ist die Stellung des Präsidenten unangefochten. Doch die Opposition lauert auf ihre Chance.

WASHINGTON. Selbst hart gesottene Wall-Street-Profis sind in diesen Tagen nervös wie selten: Die Aktienkurse sausen in den Keller, der Dollar sackt ab, die Veröffentlichungen von Quartalszahlen werden zur Zitterpartie. Am schlimmsten aber ist der Verlust an Vertrauenskapital, der der US-Wirtschaft seit der jüngsten Skandalwelle von Bilanzfälschungen anhängt. Immer mehr Börsianer fordern einen harten Schnitt: "Leute wie der Chef der Börsenaufsicht SEC, Harvey Pitt, gehören gefeuert", meint Kim Fennebresque von der New Yorker Investmentfirma S.G. Cowen Securities. Und: "Präsident George W. Bush muss endlich seine kumpelhafte Loyalität ablegen."

Pitt ist zu einer Schlüsselfigur im politischen Großputz der Post-Enron-Zeit geworden. Kritiker bescheinigen dem ehemaligen Wall-Street-Anwalt zwar hohe Intelligenz. Gleichzeitig monieren sie aber auf Grund seiner Vergangenheit die zu große Nähe zu den Wirtschaftsprüfungsfirmen, denen er eigentlich auf die Finger schauen sollte. Senator John McCain, prominenter Einzelgänger bei den regierenden Republikanern, forderte Pitt kürzlich offen zum Rücktritt auf.

Doch Bush hält nichts von einem Revirement. Stattdessen stellt er sich offen vor seine Schützlinge, die immer stärker unter innenpolitischen Beschuss geraten. Sowohl für Pitt als auch für Vizepräsident Richard Cheney gab Bush eine Art Ehrenerklärung ab - beide machten einen "prima Job", lobte der Präsident.

Die Öffentlichkeit sieht dies offenbar anders. Nach einer gestern in der "New York Times" erschienenen Umfrage haben immer mehr Amerikaner das Gefühl, dass etwas mit dem Land nicht stimmt: 70 % äußerten sich "besorgt" über die Talfahrt an den Börsen, 66 % glauben, dass die großen Unternehmen zu viel Einfluss auf die Regierung haben. 62 % meinen, dass die jüngsten Fälle von Bilanzfälschungen ein "ernstes Problem" für die Wirtschaft darstellen, 50 % haben den Eindruck, dass sich Bush bei der Reform der Standards für die Buchführung mehr um die Interessen der großen Firmen kümmert. Nur 37 % meinen, dass dabei die Belange der "gewöhnlichen Bürger" im Vordergrund stehen.

"Der Präsident macht seine Sache in Afghanistan gut, aber die Wirtschaft um uns herum fällt zusammen", beklagt sich die 40-jährige Debbie Wilson, eine arbeitslose Friseurin aus Elmira im Bundesstaat New York. "Ich frage mich, wie sehr die Regierung tatsächlich von Parteispenden und big business abhängt", betont Paula Pittman-Troisi, eine Wertpapier-Beraterin aus Birmingham/Alabama.

Zweifel tauchen auch bei Bushs Vergangenheit als Öl-Manager auf. Nach der "New-York-Times"-Umfrage sind 48 % der Amerikaner davon überzeugt, dass der Präsident "etwas zu verbergen hat". Bush hatte im Juni 1990 als Aufsichtsratsmitglied der Firma Harken Energy Firmenaktien im Wert von 848 000 $ verkauft - kurz bevor der Kurs abstürzte. Die oppositionellen Demokraten nähren den Verdacht des Insiderhandels und werfen Bush Doppelzüngigkeit bei seinem moralischen Feldzug für eine "saubere Wirtschaftsführung" vor.

Zumindest zahlenmäßig gravierender ist der Fall von Vizepräsident Cheney. Der Ex-Chef der Energie-Gesellschaft Halliburton stieß im August 2000 ein großes Paket Firmenaktien ab und strich einen Profit von 18,5 Mill. $ ein. Danach wechselte Cheney in Bushs Wahlkampf-Team. Zwei Monate später kam die Geschäftsleitung mit der Hiobsbotschaft, dass die Lage in wichtigen Bereichen wesentlich schlechter sei als erwartet. Die SEC ermittelt zurzeit wegen des Verdachts von Bilanzfälschungen. Die Demokraten bringen auch bei Cheney den Vorwurf des Insiderhandels ins Spiel und fordern die Herausgabe aller Akten. Doch die graue Eminenz im Weißen Haus schweigt eisern.

Trotz des weit verbreiteten Misstrauens gegenüber der personellen Verflechtung von Wirtschaft und Politik ist die Stellung von Präsident Bush im Grundsatz unangefochten: Sämtliche Umfragen belegen eine unverändert hohe Zustimmungsrate von mehr als 70 %. Dennoch sehen Experten knapp vier Monate vor den Kongresswahlen eine potenzielle Gefahr für Bush. "Die Opposition wird das Thema genüsslich am Kochen halten", erklärt William Niskanen, Chef des Cato-Instituts in Washington und ehemaliger Wirtschaftsberater des früheren Präsidenten Ronald Reagan. "Wenn sich die Lage in der Wirtschaft nicht spürbar verbessert, hat Bush ein echtes Problem", so seine Warnung.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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