Immer mehr Bewohner fliehen
Der Krieg kommt nach Bagdad

Eigentlich wollte Abu Ahmad sein Haus in Bagdad nicht verlassen. Doch jetzt habe er genug, sagt der pensionierte Offizier.

Reuters BAGDAD. Angesichts der nahenden alliierten Truppen haben sich Abu Ahmad und seine Familie aus Furcht vor blutigen Straßenkämpfen und einer zermürbenden Belagerung am Dienstag nun doch entschieden, die irakische Hauptstadt zu verlassen. "Die Dinge werden mit jeder Stunde schlimmer", sagt er, während aus der Ferne das Donnern der Explosionen zu hören ist. Den sechsten Tag dauern die Luftangriffe nun schon an. Er wolle es seiner Familie nicht antun, dass sie Wochen lange schwere Bombardements oder Straßenkämpfe durchlebe, sagt Abu Ahmad. Nun wird er seine Familie in den sichereren Osten des Landes bringen.

Viele tun es ihm gleich. Die sonst quirligen Straßen der Fünf-Millionen-Metropole sind weitgehend leer. Vor Tankstellen und Bäckerei sind keine Schlangen mehr zu sehen. Die meisten Geschäfte sind geschlossen, und in Büros wird nicht mehr gearbeitet. "Ich glaube, viele, die noch geblieben sind, obwohl sie hätten gehen können, haben gedacht, der Krieg kommt nicht oder wird nicht so schlimm", sagt Abbas, ein Taxifahrer. "Jetzt erkennen sie aber, dass dieser Krieg anders wird, als die früheren." Irak erlebt derzeit schon den dritten Krieg in zwei Jahrzehnten: von 1980 bis 1988 den Krieg gegen Iran und 1991 den Krieg einer internationalen Koalition zur Vertreibung der irakischen Armee aus Kuwait.

Alliierte Truppen rücken schnell näher

Die Truppen der USA und Großbritanniens sind trotz heftiger Gegenwehr an einigen Stellen zügig vorgerückt, und ihre Spitzen stehen inzwischen weniger als 100 Kilometer vor Bagdad. Dort sind die Elitesoldaten der Republikanischen Garde konzentriert, die die Zugänge in die Hauptstadt verteidigen sollen. "Es steht außer Zweifel, dass die heldenhaften Garden hart kämpfen und Bagdad erbittert verteidigen werden", gibt sich der 32-jährige Omar Saad überzeugt. Das bedeute aber auch schwere Kämpfe und vielleicht eine sehr lange Belagerung. "Wir müssen darauf vorbereitet sein", fügt er hinzu.

Die sorgfältige Vorbereitung in Irak auf den Krieg und die bisherige Konzentration der Luftangriffe der Alliierten auf ausgewählte Ziele haben dazu geführt, dass die Infrastruktur Bagdads noch weitgehend funktionsfähig ist. Die Strom- und Wasserversorgung sind ebenso intakt wie andere städtische Dienstleistungen und das Fernsehen. Doch das kann sich bei einer längeren Auseinandersetzung schnell ändern. "Wenn die Schlacht um Bagdad beginnt, werden die Amerikaner nicht so nett sein", glaubt Taxifahrer Abbas.

Saddams Anhänger bereiten Verteidigung vor

Während manche Bagdader noch überlegen, was sie angesichts einer drohenden Belagerung tun sollen, sind die treuen Anhänger des Präsidenten Saddam Hussein sehr beschäftigt. Tausende Milizionäre graben Verteidigungsstellungen. Soldaten in olivgrünen Uniformen bewachen mit umgehängten "Kalaschnikow"- Sturmgewehren Regierungsgebäude. Männer stapeln Sandsäcke als Deckung an Straßenecken, vor Gräben und vor Schutzräumen. Andere patrouillieren mit Geländewagen, auf denen Maschinengewehre montiert sind.

Während es bislang scheinbar vergleichsweise wenige zivile Opfer gibt, sind bei den Luftangriffen viele Symbole der Macht Saddams zerstört worden: mindestens drei seiner Paläste, die Häuser ranghoher Führungsmitglieder, Regierungsgebäude und mehrere Militäreinrichtungen. Die Genauigkeit der Bombardierungen gibt vielen Menschen ein Gefühl relativer Sicherheit, lässt sie aber auch resignieren. Nur wenige suchen Schutzräume auf. "Sie treffen bestimmte Ziele, und weil wir nicht in deren Nähe leben, gehen wir nicht in irgendeinen Schutzraum", sagt eine Frau. Dann fügt sie hinzu: "Und selbst wenn wir dorthin gehen sollten, würden sie uns da treffen, wenn sie wollten."

Auf den Fleisch- und Gemüsemärkten läuft das Leben bislang fast normal - zumindest bis die Käufer auf die Preise schauen. "Glaubt man das? Schämen die sich nicht? Die Preise sind um 50 % gestiegen", schimpft eine wütende Frau. Die Preise für einige knapp werdende Importgüter sind mittlerweise sogar auf das Doppelte gestiegen.

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