Immer mehr Firmen verlagern Jobs in Billiglohnländer
Amerikas Arbeit wandert aus

Immer mehr US-Firmen verlagern Jobs in Billiglohnländer. Mittlerweile sind selbst Anwälte und Architekten nicht mehr sicher. Wer bleibt, muss mit Lohneinbußen rechnen.

Sheryl Matta aus Texas verdient nur noch die Hälfte von dem, was sie vor ein paar Jahren verdient hat. Und jeden Monat wird die Arbeit in ihrem Gebiet knapper. Denn immer mehr Jobs werden von den Unternehmen ausgegliedert - und wandern ins Ausland ab. Matta arbeitet als Schreibkraft im medizinischen Bereich. Erst vor kurzem wurde sie zwischenzeitlich arbeitslos. Ihr Arbeitgeber hatte einen bedeutenden Vertrag an einen Konkurrenten verloren, der die Arbeit in Indien erledigen lässt. Auch für ihren neuen Arbeitgeber schreibt sie Diktate von Ärzten ab. Doch bei nur noch sieben Cent pro Zeile muss sie 15 Stunden täglich arbeiten, um auf einen Monatsverdienst von 2000 Dollar (umgerechnet 1630 Euro) zu kommen. "Davon kann ich kaum noch leben", sagt die 54jährige. "Unsere Jobs werden uns weggenommen, und das macht uns zornig."

In kaum einer Branche wandert Arbeit nicht in Billiglohnländer ab. Während der letzten zehn Jahre haben US-Unternehmen Software-Entwicklung und Telefondienste nach Indien, Mexiko oder auf die Philippinen verlagert. Inzwischen machen sich auch Angestellte in weit mehr Bereichen Sorgen um ihren Arbeitsplatz, angefangen vom Buchhalter bis zum Ingenieur. "Jedes Unternehmen muss heute in den Rückspiegel schauen, ob dort nicht jemand anrückt, der die gleiche Arbeit für weniger Geld erledigen kann", sagt John McCarthy, Vizepräsident des Marktforschungsunternehmens Forrester Research.

Verarbeitung von Daten besonders anfällig

McCarthy schätzt, dass bis zum Jahr 2010 etwa 1,6 Millionen Jobs aus den USA ins Ausland verlagert werden. Noch im Jahr 2000 waren es lediglich 103.000 Stellen. Als besonders anfällig erweisen sich Tätigkeiten, bei denen es um die Verarbeitung von Daten geht. Schätzungen gehen davon aus, das inzwischen bis zu 30 Prozent aller Dienste zur medizinischen Texterfassung aus den USA nach Indien, Pakistan und in andere Länder verlegt wurden.

Und Experten zufolge müssen sich weit mehr Berufe auf das Abwandern von Arbeitsplätzen einstellen: Schwere Zeiten können für Buchhalter und Steuerexperten in den USA anbrechen. Gerade in Indien gibt es immer mehr Wirtschaftsprüfer, die von US-Unternehmen mit der Vorbereitung von Steuererklärungen beauftragt werden. Mark Albrecht, Chef der Outsourcing-Firma Xpiltax schätzt, dass in diesem Jahr etwa 100.000 US-Steuererklärungen im Ausland erstellt werden. Mit seinen eigenen 75 Steuerberatern im indischen Chennai will das Unternehmen allein 10.000 Steuererklärungen auf den Weg bringen. Die Steuerdaten der Mandanten gehen in der Firmenzentrale im US-Bundesstaat Massachusetts ein und werden dann auf den Internet-Server geladen. Den Rest erledigen die indischen Steuerexperten. Fachleute gehen davon aus, dass eine Steuerkanzlei auf diese Weise pro 100 Steuererklärungen 50.000 Dollar einsparen kann.

Noch wird das Abwandern der Arbeit in den USA dadurch kompensiert, dass die erst kürzlich verschärfte Steuergesetzgebung den Bedarf an Steuerberatern in die Höhe schnellen ließ. Doch nicht zuletzt wegen der zunehmenden Verbreitung von Steuererklärungs-Software wird die Verlagerung den amerikanischen Steuerberatern schwer zu schaffen machen.

Gebrauchsanweisung aus Korea

Auch für technische Texter werden die Aussichten immer düsterer. Gebrauchsanweisungen und Produktbeschreibungen können leicht Schreiber in Indien, Russland oder China erstellen, denn ein enger Kontakt zu den Produktentwicklern ist selten erforderlich. Noch vor drei Jahren hat die freiberufliche Texterin Michele Davis jährlich 100.000 Dollar verdient. Zuletzt schrumpften ihre Einkünfte auf 12.000 Dollar. "Viele Jobs sind nach Korea abgewandert", sagt die 39-Jährige. "Es ist immer noch billiger, die Texte dort schreiben zu lassen und zum Schluss einen Redakteur in Amerika für Korrekturen zu bezahlen."

Ein ähnliches Schicksal droht den Architekten großer Planungsfirmen. Weite Teile der Entwurfsarbeit, darunter die Vorbereitung von Genehmigungsanträgen für Bauvorhaben, werden heute an Dienstleister in Niedriglohnländern übertragen. Carl Roehling, Präsident und Vorstandschef des US-Planungsunternehmens Smith-Group mit 750 Angestellten, geht davon aus, dass die großen Architekturbüros 25 Prozent der Planungsarbeit im Ausland ausführen lassen. Gerade junge Architekten sind von dem Stellenabbau betroffen. "Wir halten uns mit Neueinstellungen jetzt sehr zurück", sagt ein leitender Manager eines großen US-Architekturbüros, das Gebäude für Behörden entwirft. In der 300 Mitarbeiter starken Firma führte die Auslagerung von Arbeiten in den vergangenen Jahren zur Streichung von zehn Prozent aller Stellen.

Natürliche Hürde bei Hochqualifizierten

Selbst Anwälte und Investment-Spezialisten sind nicht mehr sicher vor der Konkurrenz preiswerter ausländischer Kollegen. Die US-Gesellschaft Mindcrest, die juristische Recherchen für Unternehmen und Anwaltskanzleien anbietet, lässt bereits 15 indische Juristen in Bombay für sich arbeiten. In die Stadt hat auch Pipal Research einen Großteil der Arbeit ausgelagert. Das US-Unternehmen ist auf Investment-Studien für Banken und Investmentgesellschaften spezialisiert. Jeder Einzelne der 50 indischen Mitarbeiter kann einen Doktortitel oder Masterabschluss vorweisen. Die Anzahl der ausländischen Mitarbeiter ist noch gering, doch das Auftragswachstum entwickelt sich bei beiden Firmen rasant. Mindcrest geht von einer jährlichen Verdopplung des ins Ausland verlagerten Geschäftsvolumens aus.

Erst bei Arbeiten mit höchsten Anforderungen scheint langsam eine natürliche Hürde für weitere Stellenverlagerungen aufzutauchen. Denn hier sind manchmal geografische und kulturelle Eigenheiten entscheidend, sagt Manoj Jain, Chef von Pipal Research. Gleichzeitig steigen die Einkommen von hoch qualifizierten Fachleuten auch im Ausland, was den Nutzen der Verlagerung von Stellen immer weiter schrumpfen lässt. "Die Chancengleichheit bei solch bedeutenden Jobs wird früher kommen, als viele erwarten", sagt Jain. Er musste das Gehalt seiner indischen Angestellten in diesem Jahr um 80 Prozent erhöhen, um sie halten zu können.

Autor: Kris Maher, Wall Street Journal

Quelle: Der Tagesspiegel Nr. 18433 vom 29.03.2004 Seite 16

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