Immer mehr Online-Unternehmen erreichen die Gewinnzone
Internetbranche ist besser als ihr Ruf

Schwarze Zahlen sind das oberste Ziel der als Geldvernichter in Verruf geratenen Dotcoms. Das scheint mehr und mehr Unternehmen zu gelingen. Neue Geschäftsmodelle sind allerdings kaum entstanden.

BERLIN/SAN FRANCISCO. Mit tausend Euro und mehr hat die Börse zu Boomzeiten jeden Kunden eines Internet-Unternehmens bewertet. "Bei Web.de liegt dieser Wert jetzt bei rund viereinhalb Euro", rechnet Ernst Scherer, Internetanalyst der Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein, heute vor. Dabei ist das Unternehmen, mit 11 Millionen Kunden hinter T-Online das zweitgrößte Internetportal in Deutschland. Es wird voraussichtlich Ende des Jahres schwarze Zahlen schreiben und ist mit 95 Mill. Euro Barmitteln solide finanziert.

Web.de ist nicht das einzige Internet-Unternehmen, das sich - trotz des miserablen Images der Branche - durch striktes Kostenmanagement und allmählich steigende Umsätze aus der Verlustzone hangelt. Denn der Markt wächst: Knapp 48 Mrd. $ werden 2002 nach Schätzungen von der Marktforscher von E-Marketer in Deutschland online ausgegeben. Das Internet-Auktionshaus Ebay wurde jüngst sogar in den Aktienindex S&P 500 aufgenommen, der die Börsenkurse der 500 größten US-Unternehmen misst.

Dieser Ritterschlag kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass noch immer reihenweise Internetfirmen ihre Pforten schließen und Anleger diesen Sektor scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Doch zeigt auch die in den vergangenen Monaten vergleichsweise gute Kursentwicklung der Internetwerte, dass die Überlebenden besser sind als ihr Ruf.

Als einen Faktor für den Erfolg im Internet nennt Andreas Prüfer, Vorstand der nicht börsennotierten Delticom AG, "fundierte Kenntnisse der Branche, in der man tätig werden will". Vor drei Jahren hat Prüfer zusammen mit Rainer Binder einen Online-Handel für Auto- und Motorradreifen gegründet. Von Anfang an schrieb das Unternehmen schwarze Zahlen. "Nach zwölf Jahren Managementerfahrung beim Marktführer Continental kannten wir jedes Detail des Reifenhandels, vom Einkauf über das Marketing bis zu den Strategien der Konkurrenten." Darüber hinaus haben die Hannoveraner "von Anfang an die Kosten den Margen angepasst". Deshalb haben sich die Gründer im ersten Jahr kein Gehalt ausgezahlt.

Als das Internetunternehmen schlechthin gilt Amazon.com. Doch das von Vorstandschef Jeff Bezos als Online-Buchhändler gegründete Internetwarenhaus gleicht inzwischen mehr einem modernen Katalogversandhandel. Im ersten Quartal 2002 hat Amazon zwar die Gewinnschwelle erreicht, rutschte aber im zweiten Quartal wieder leicht ins Minus. Dennoch wachsen die Umsätze weiter. Durch die Entscheidung, Aktienoptionen künftig auch als Kosten in der Bilanz zu führen, wird Amazon voraussichtlich für das Gesamtjahr die Gewinnschwelle noch einmal verfehlen.

Auch die deutsche United Internet AG hat es in die schwarzen Zahlen geschafft. Das Unternehmen hat sich allerdings seit Anfang des Jahres 2001 von mehr als zehn Verlust bringenden Beteiligungen - darunter die Online-Stellenbörse Jobpilot - getrennt. Jetzt liegt der Schwerpunkt des Geschäfts auf Internetzugang, Hosting und E-Mail-Diensten, angeboten von Marken wie 1&1 und GMX . Der Vorsteuergewinn lag im ersten Quartal bei 18,4 Mill. Euro. Und daran dürfte sich wegen hoher Verlustvorträge auch nach Steuern wenig ändern.

Doch neben digitalen Dienstleistungen wie dem Internetzugang sind kaum wirklich neue Geschäftsmodelle entstanden. "Ebay hat das einzige Geschäftsmodell, das das Internet nutzt, um etwas zu tun, das vorher nicht möglich war", sagt Safa Rashtchy, Analyst bei US Bancorp Piper Jaffray. Der Gründer Pierre Omidyar, der die Geschäfte vor Jahren der Vorstandschefin Meg Whitman übertragen hat, erdachte ein Modell, das es Ebay erlaubt, Kommissionen zu kassieren, ohne jemals Lagerbestände zu halten. Damit war Ebay vom Tag seiner Gründung im Jahr 1995 an profitabel. Doch Analysten wie Rashtchy warnen selbst bei diesem Internet-Vorzeigeunternehmen vor übertriebenen Erwartungen, was das Potenzial künftigen Wachstums angeht.

Quelle: Handelsblatt

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